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ERLEBTE GESCHICHTE

aufbrüche, rückblicke, zeitläufte

ein Vorwort von Armin Köhler

«Geschichte» ist nichts Statisches; sie wird permanent neu geschrieben. Ihre Komponenten rekrutieren sich aus dem, was geschehen ist, sowie aus der Sichtweise des Betrachters, der das Geschehene von seinem jeweiligen Ort in der Zeit reflektiert und zu verstehen sucht. Das heißt: «Geschichte» ist stark von der subjektiven Sicht derer durchdrungen, die sie aufzeigen. Damit ergibt sich «Geschichte» aus den Fragen, die wir an eine Zeit stellen, und den Antworten, die wir aus verschiedenen individuellen menschlichen Erfahrungen und Perspektiven hierfür finden.

In diesem Zusammenhang sowie vor dem Hintergrund der Jahrtausendwende und des sich abzeichnenden Generationenwechsels unter den europäischen Komponisten befragte ich für eine Sendereihe in SWR2 (3. April 2006 bis 21. Mai 2007) zwischen Januar 2003 und Sommer 2005 33 Komponisten aus 16 Nationen, die in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus unterschiedlichen Kulturen und Sozialisationen heraus maßgeblich in das «Rad der Musikgeschichte» eingegriffen haben. Die ausgewählten Protagonisten einer Neuen Musik stehen paradigmatisch für bestimmte ästhetische Haltungen bzw. für bestimmte kulturelle, politische und soziale Hintergründe in der Zeit des so genannten «Kalten Krieges». Sie stammen aus Ost- und Westeuropa, aus Amerika und aus Asien.

 

Weil andere bedeutende Komponistinnen jener Generation – etwa Sofia Gubaidulina oder Galina Ustwolskaja – keine Zeit für ein Interview fanden, ist mit Younghi Pagh-Paan nur eine einzige Frau vertreten. Auch Hans Werner Henze und György Kurtág konnten leider nicht für ein Interview gewonnen werden. Ursprünglich hatte ich ein Interview mit Luciano Berio als Vertreter Italiens vereinbart. Er starb jedoch, kurz bevor es zum Gespräch kommen konnte. Stellvertretend entschied ich mich dann für Giacomo Manzoni, weil er des Deutschen mächtig ist. Galt es doch bei der Auswahl der Komponisten zu beachten, dass die Interviews ursächlich mit dem Ziel zu führen sind, daraus anschauliche Sendungen für ein deutschsprachiges Radioprogramm zu gestalten.

 

Folgende Komponisten haben sich freundlicherweise für Interviews zur Verfügung gestellt: Louis Andriessen, Harrison Birtwistle, Juan Allende-Blin, Konrad Boehmer, Pierre Boulez, Elliott Carter, Friedrich Cerha, Paul-Heinz Dittrich, Peter Eötvös, Brian Ferneyhough, Vinko Globokar, Friedrich Goldmann, Cristóbal Halffter, Klaus Huber, Mauricio Kagel, Georg Katzer, Gottfried Michael Koenig, Wilhelm Killmayer, Helmut Lachenmann, György Ligeti, Giacomo Manzoni, Younghi Pagh-Paan, Krzysztof Penderecki, Henri Pousseur, Josef Anton Riedl, Wolfgang Rihm, Frederic Rzewski, Dieter Schnebel, Mathias Spahlinger, Karlheinz Stockhausen, Christian Wolff, Hans Zender und Walter Zimmermann.

 

Die Sendereihe wollte erkunden, ob und wie in das gesellschaftliche Bewusstsein eingebrannte künstlerische Erscheinungen eines bestimmten Zeitabschnitts einem Wertewandel bei jenen Protagonisten unterliegen, die diese Erscheinungen auf den Weg gebracht haben. Zu diesem Zweck wurden alle 33 Autoren mit den gleichen Fragen konfrontiert. Dies war die konzeptionelle Voraussetzung dafür, dass das 75-stündige Originaltonmaterial in zwei unterschiedlichen radiofonen Formen aufgearbeitet werden konnte.

Bei der ersten Form «sitzen» die «Unvereinbaren» an einem virtuellen radiofonen Tisch und «diskutieren» über die vorgegebenen Themen. Eine besondere Brisanz erhalten diese Runden durch die Tatsache, dass von Elliott Carter, Jahrgang 1908, bis zu Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, Künstler aus mehreren Generationen in einen imaginären Dialog treten und die angesprochenen Fragen aus einer jeweils anderen Geschichtsperspektive heraus beantworten.

 

Zweites Formprinzip der Radiosendung waren individuelle «Hörbilder» mit Musik, historischem O-Ton Material und anderen zeitgeschichtlichen akustischen Bausteinen, in denen die einzelnen Komponisten an Hand persönlicher Erlebnisse ihre Perspektive auf die hinterfragten Phänomene schildern. Dabei handelt es sich nicht um Porträtsendungen, sondern um individuelle Blicke auf einen klar umrissenen historischen Zeitraum, fokussiert durch einen speziellen Fragenkatalog. Die Sendereihe Erlebte Geschichte ist mithin auch eine Geschichte in Geschichten. Sie dokumentiert vornehmlich Zeitgeschichte und versucht Anekdotisches und historisch maßgebliche Informationen miteinander zu verzahnen. Da das O-Ton Material des Interviews mit Giacomo Manzoni technisch nicht in angemessener Form vorliegt, war es nicht möglich, dieser Publikation eine Individualsendung mit diesem italienischen Komponisten beizufügen.

Die Fragen der Sendereihe konzentrieren sich sowohl auf kompositionstechnische als auch auf zeitgeschichtliche und soziale Komplexe: Gab es sie wirklich, die «heroischen» Lagerkämpfe? Oder sind sie reine Legende des Feuilletons? Wie war das mit der Kategorie des Neuen in der Musik und war die serielle Kompositionsmethode tatsächlich eine Sackgasse der Geschichte, wie von vielen Publizisten nach wie vor behauptet? Gab es ihn tatsächlich, den Fortschrittswahn in der Kunst? Woher rührt die zentrale Bedeutung der zwölftönigen Kompositionsmethode im europäischen Musikdenken? Stand im Zentrum des Denkens eher das Abschaffen denn das Schaffen neuer Formen und Werte? War John Cage ein Komponist oder doch nur ein Scharlatan? Wo liegen die künstlerischen, politischen und sozialen Wurzeln der einzelnen Lebensläufe? Und in welcher Weise prägte die Erfindung der Elektrizität das Musikdenken in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Der holzschnittartige und abstrakt gehaltene Fragetypus war dabei Voraussetzung, um die breite Palette unterschiedlicher ästhetischer Haltungen und Prägungen abdecken zu können.

 

Mit der Sendereihe Erlebte Geschichte wird im Grunde die Hörgeschichte der Musik des 20. Jahrhunderts, die um die Jahrtausendwende unter dem Titel Vom Innen und Außen der Klänge auch von SWR2, dem Kulturprogramm des Südwestrundfunks, entwickelt und gesendet wurde, fortgesetzt. In dieser ebenfalls von Schott Music verlegten Sendereihe (DVD-Audio + CD-ROM) haben zuförderst Musikologen und Feuilletonisten unterschiedlicher Generationen das historische Material aufbereitet und bewertet. In der Erlebten Geschichte war es nun an der Zeit, nochmals die maßgeblichen Protagonisten über jenen historischen Zeitabschnitt zu befragen, der als der «heroische» in die europäische Musikgeschichte eingegangen ist. Dahinter verbirgt sich das Ziel, gegebenenfalls aus einer anderen Geschichtsperspektive zu neuen Einsichten zu gelangen.

Mit dieser Ausgabe liegt nun ein signifikantes historisches Tonmaterial, ein großes Archiv der jüngeren Musikgeschichte vor uns und eine stattliche Fundgrube von Äußerungen aus «erster Hand» zu den unterschiedlichsten Aspekten musikalischen Denkens des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts, das nicht nur für Fachleute von Interesse sein dürfte. Darunter finden sich das letzte Interview, das György Ligeti gegeben hat, und das letzte Interview, das Mauricio Kagel unmittelbar vor seinem Tod für diese Publikation bearbeitete.

 

Die historische Bedeutung des vorliegenden Materials bewog Schott Music, auch die Sendereihe Erlebte Geschichte von SWR2 der Flüchtigkeit des Mediums Radio zu entreißen, die komplette Sendereihe auf DVD-Audio und im Internet zu dokumentieren (hier allerdings aus rechtlichen Gründen ohne die Musikbeispiele) und das als «Steinbruch» für die Rundfunksendungen fungierende 75-stündige O-Ton Material der Interviews in seiner Gesamtheit zu transkribieren, gewissermaßen als Urtextausgabe zu redigieren und die so entstandenen Manuskripte mit Volltextsuche herauszugeben.

Bis auf György Ligeti und Karlheinz Stockhausen, die vor dieser digitalen Aufarbeitung und der Transkription ihrer Interviews verstarben, wurden alle Manuskripte von den betreffenden Komponisten für die Schriftform redigiert. Daher rühren die gelegentlichen stilistischen Abweichungen zwischen dem auditiven und dem schriftlichen Material. Besonders nachhaltig für die Schriftform bearbeitet wurden die Texte von Mauricio Kagel, Gottfried Michael Koenig, Helmut Lachenmann, Younghi Pagh-Paan, Josef Anton Riedl und Krzysztof Penderecki. Auch die Rundfunksendungen sind für die DVD-Audio-Ausgabe und für die Wiedergabe im Internet in ihrer technischen Aufbereitung nochmals einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen worden.

Ergänzt werden die Urtextausgabe der Rundfunkinterviews und die beiden unterschiedlichen Rundfunksendungstypen durch Künstlerbiografien, die dem Lexikon Komponisten der Gegenwart entstammen, und ein umfängliches Glossar.

 

Mein Dank gilt der Bundeskulturstiftung und der Ernst von Siemens Musikstiftung, deren finanzielle Unterstützung diese Edition ermöglichte, allen beteiligten Komponisten, die in wahrer Sisyphusarbeit die Interviews noch einmal redigierten, den Technikern des SWR für die unkonventionelle Hilfe in allen digitalen Fragen und für die professionelle Aufarbeitung des teilweise technisch problematischen Tonmaterials sowie Rolf W. Stoll von Schott Music für die tatkräftige und anregende Begleitung dieser Edition.