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[Begriffsglossar ››› Akusmatik bis Avantgarde]

Akusmatik

Im weitesten Sinne bezeichnet der Begriff Akusmatik ein akustisches Ereignis, dessen Erklingen nicht in direktem Zusammenhang zu seinem Ursprung steht. Eine der historisch frühesten Nutzbarmachungen akusmatischer Rezeption schreibt man dem antiken Philosophen Pythagoras zu, der hinter einem Vorhang Platz nahm, um seine Schüler «unsichtbar» zu unterrichten und auf diese Weise ihre Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln. Übertragen auf die Musik bezeichnet der Begriff Kompositionen, die einzig für die Vermittlung via Tonträger geschaffen sind und deren Wahrnehmung nicht durch die Augenfälligkeit ihrer «Hervorbringer» verstärkt oder zerstreut wird. Prägung des Begriffs durch den französischen Komponisten und Musiktheoretiker François Bayle, der die Resultate der Arbeit im Tonstudio als «musique acousmatique» bezeichnete, um die Differenz zum Spiel mit elektroakustischen Instrumenten auf der Bühne zu betonen.

 

Akkord

ist der Zusammenklang von mindestens drei verschiedenen Tönen. Die terminologische Gleichsetzung von Akkord und Klang (vgl. Hugo Riemann, Ernst Kurth) gilt heute ebenso wie Carl Stumpfs Beschränkung von Konsonanz und Dissonanz auf Zweiklänge. Der Charakter des Akkords wird durch die Anzahl der zusammenklingenden Töne, durch ihre Lage und Verteilung im Tonraum („enge“ und „weite“ Lage) und durch eine spezifische Akkordfarbe bestimmt, die sich dem Erleben als Einheit und Ganzheit mitteilt und nicht etwa die Summe von Intervallfarben darstellt. Hier beginnt freilich auch die psychologische Überinterpretation, die mit scharfsinnigen Analysen festhalten möchte, was man auch ohne sie weiß: dass etwa der Dur-Dreiklang als hell, der Moll-Dreiklang als dunkel erscheint.



Aktionskunst
bezeichnet als Sammelbegriff ästhetische Ausdrucksformen, in denen die Handlungen des zumeist bildenden Künstlers selbst und nicht dessen Objekte im Mittelpunkt stehen. Als erstes — sieht man von Vorformen in früheren Jahrhunderten, etwa den sog. „tableaux vivants“ (= lebende Bilder), und den gesellschaftsinhärenten Ritualen und Riten ab — waren es die gattungsübergreifenden Künste Anfang des 20. Jahrhunderts wie Dadaismus und Surrealismus, teils auch Futurismus, die die handlungsorientierte (Ent-) Äußerung des Künstlers als zentrales Darstellungsmittel für sich entdeckten. Teils durch die Wiederentdeckung dieser Ismen-Künste nach dem zweiten Weltkrieg, teils auch autonom griffen in den fünfziger und sechziger Jahren verschiedene künstlerische Strömungen in Europa, den USA und Japan unabhängig voneinander die Initiative der handelnden Künstlerselbstdarstellung wieder auf und führten sie weiter: so Fluxus, Nouveau Réalisme, Pop art, Happening, Wiener Aktionismus, Neodadaismus, Gutai, später dann Body-Art. Den Grundstein dieser Neuaneignung bildete die um 1950 entstandende Ausdrucksform des „Action Paintings“ etwa von Jackson Pollock — als improvisierende, spontane „Freisetzung der subjektiven Gestik“ (Karin Thomas), bei der der Künstler zum Beispiel schnell und unkontrolliert Farbe auf eine Leinwand spritzte oder tropfte oder mit zum Malen unüblichen Körperteilen verteilte (wie mit Füßen oder dem ganzen Leib). Weiterer wichtige Vordenker der Aktionskunst sind zu Beginn der fünfziger Jahre vor allem John Cage und Allan Kaprow. Diese Aktionsform hat sich zur Prozesskunst weiterentwickelt, das heißt, das Kunstwerk entsteht nicht mehr im der Öffentlichkeit verschlossen Atelier, es wird nicht mehr als fertiges Resultat präsentiert, sondern das Zeigen des Arbeitsvorgang vor Publikum ist das Entscheidende. Dabei wird die Trennung zwischen Künstler und Betrachter zumeist beibehalten wie auch bei der Performance (engl. = Aufführung, Darstellung, Leistung) löst den der Aktionskunst seit den siebziger Jahren zunehmend ab. Performances wie überhaupt die meisten Formen der Aktionskunst stehen formal in der Nähe zum Theater: zum einen durch die potenzielle Allumfassendheit der Ausdrucks- und somit der zu rezipierenden Wahrnehmungsmöglichkeiten, zum anderen durch den inszenatorischen Gestus der Aktion. Denn obgleich diesem zumeist auch ein großer Anteil des Improvisatorischen, Spontan-subjektiven innewohnt, liegen den meisten Aktionen zuvor erstellte Konzepte (respektive Absprachen zwischen den Ausführenden) zugrunde, deren Details aber oft erst im Moment der Ausübung entschieden werden. Dabei ist die Anwesenheit eines Publikums nicht zwingend erforderlich. Das prozessuale Darstellungsexperiment, das allen Spielarten der Aktionskunst eigen ist, üben einige Künstler auch für sich allein privat, teils unbemerkt in der Öffentlichkeit, teils — und das ist mittlerweile das Gros von Performances — vor einem Publikum. Ebenso wenig lassen sich Phänomen wie Begriff der Performance (nunmehr synonym zu Aktionskunst) weder auf eine bestimmte Aktionsart festlegen noch auf einen gewissen Zeitraum eingrenzen. Performance meint heute vielmehr jegliche Art der prozessualen Handlung des von der Tradition herkommenden bildenden Künstlers oder auch eines experimentellen Musikers, der die Nähe zum Visuellen und anderen Sinnesbereichen sucht wie der bildende oft eine Amalgamierung von Sehen und Hören anstrebt (zuweilen auch von Riechen, Fühlen, Schmecken). Die Verschmelzung von Kunst und Leben spielt von jeher bei der Aktionskunst eine wichtige Rolle, doch die anvisierte Identität ist eher Wunsch geblieben, als dass sie Wirklichkeit geworden wäre. Obgleich manche der Aktionskünstler ihre Arbeit explizit in den Dienst einer aufklärerischen, vehement gesellschaftverändernden Politik gestellt haben, sind sie mit diesen Ideen meist gescheitert (siehe die Tätigkeiten von Joseph Beuys). Wichtig an der Performance sind das Ephemere und das jeweils Einmalige der Ausübung. Trotzdem versuchen die Künstler selbst und auch die insgesamt recht wenigen Rezensenten wie Wissenschaftler, die sich mit der Performancekunst auseinander setzen, diese per Fotos, Videos, Beschreibungen, Mitschriften etc. zu dokumentieren. Zudem erhalten die bei der Performance benutzten Gegenstände nach Beendigung des Geschehens den Status von Relikten; sie werden oft signiert und anschließend ebenso gehandhabt und gehandelt wie die sonstigen Objekte des Kunstmarkts. In den achtziger und neunziger Jahren hat sich zudem ein Künstlertypus im Performancebereich hervorgetan, der, durchaus einem Popstar ähnlich, sich zur Kultfigur stilisieren lassen will und lässt. Lebt hierin die individuelle Autorenschaft des Künstlers wie in früheren Formen der Aktionskunst weiter, so geht damit auch das genaue Gegenteil einher: der Künstler zeigt sich nicht in seiner Privatheit, als biografisches Subjekt, sondern er ist nur Ausdrucksmedium seiner Ideen. In diesem vielfältigen Spannungsfeld sind die kaum noch zu übersehenden Spielarten der Aktionskunst respektive der Performance angesiedelt. Eine Systematisierung wie auch eine handhabbare Terminologie stehen, zumindest für den Wissenschaftsbetrieb, noch aus.


Aktionsschrift
Eine assoziative Notationsform, die nahezu ausschließlich auf konventionelle Zeichen der Notenschrift verzichtet. Sie initiiert beim Interpreten durch grafische Provokationen oder mit Hilfe verbaler Anweisungen musikalische Assoziationen, um auf diese Weise musikalische Aktionen auszulösen.

 

aleatorisch

[von lat. alea, der Würfel] ist ein musiktheoretisch kaum gesicherter Begriff, der zu manchen Verwechslungen geführt hat und von dem heute nicht mehr korrigierbaren Missverständnis lebt, es wurden damit musikalische Zufallsformen bezeichnet. Schematisch lassen sich drei Grundprinzipien unterscheiden, die in der Praxis allerdings kaum in reiner Form auftreten, sondern gleichwohl vermischt und übereinander projiziert erscheinen. Da sind zunächst einmal zwei Verfahren zu nennen, die gegenwärtig pauschal mit dem Oberbegriff „Aleatorik“ zusammengefasst werden. Beim ersten gibt der Komponist den Verlauf des Stückes, also seine Form und Dauer, verbindlich vor und überlässt die Gestaltung der Details im Inneren den Interpreten. Beim zweiten Verfahren werden die Einzelheiten genau fixiert, hingegen legt der Interpret die Anordnung der Formteile fest. Das dritte Verfahren schließlich ist in seiner konsequentesten Ausrichtung an einen Komponisten gebunden: John Cage. Während die erstgenannten Verfahren noch der herkömmlichen Vorstellung von „Komposition“ genügen, versteht Cage alle verfügbaren Klänge als Musik. Cages Mobilitätsbegriff ist umfassender. Er besteht auf der konsequenten Anerkennung von Zufallsoperationen, so dass, je nach Grad der Unbestimmtheit, prinzipiell alle musikalischen Parameter und Aufführungsmodalitäten unbestimmt bleiben können.

 

Allintervallreihe

Zwölftonreihe, die alle innerhalb einer Oktave liegenden Intervalle enthält, wobei keines wiederholt wird.

 

Atonalität

Ursprünglich polemischer, später wertneutraler Negationsbegriff zu Tonalität; Aufhebung der funktionalen Grundtonbezogenheit bei Akkordfortschreitungen, meist verbunden mit einer Preisgabe der terzgeschichteten Harmonik. Atonalität kann, nachdem sich kein polemischer Sinn mehr mit dem Wort verbindet, als der von Arnold Schönberg eingeleitete Abfall von der Tonalität aufgefasst werden. Die atonale Phase der Musik, mit den Hauptvertretern Schönberg, Anton Webern und Alban Berg, umfasst die Jahre von 1908 bis 1923. Viele unlösbare Antinomien der Atonlität, für die Schönberg in seiner historischen Doppelstellung wie kein anderer zeugt, wie auch die inneren Widersprüche der Zwölfton- und Reihentechnik scheinen in der Elektronischen Musik im doppelten Wortsinn aufgehoben. Überraschend ist die neue Definition, atonal sei auch „die Elektronische Musik, sofern der Begriff tonal im traditionellen Sinne als Finalis- oder Grundtonbezogenheit verstanden wird“. Schönberg, Berg und Webern haben den Begriff „atonal“ entschieden abgelehnt; ihre Hoffnungen auf die „Tonalität einer Zwölftonreihe“ haben sich allerdings nicht erfüllt. Vielmehr hat die Aufspaltung der Klangmaterie zu immer neuen Ausstufungsprozessen geführt, deren historisch letzter (um 1950) die Reduktion des Tons (Klangs) auf den reinen, obertonfreien Ton (Sinuston) gewesen ist.

 

Avantgarde

(von franz.: Vorkämpfer, Vorhut). Fortschrittliche Kunstbewegung, teils auch im Grenzbereich der Künste angesiedelt. Die Artefakte und Aktionen der A. beinhalten zumeist einen Protest gegen die bürgerliche Kunst („Institution Kunst“) und wollen die Trennung von Kunst und Leben auflösen. Historische Avantgardeformen sind Dadaismus, Futurismus, Surrealismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg (ab 1950 vor allem) Richtung der Neuen Musik (teilweise wird Avantgarde auch zu dieser synonym verwendet), die die Tradition und Geschichtlichkeit negiert, in jedem Werk eine besondere ästhetische Erfahrung thematisiert, auf sie hinzielt.