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GLOSSAR

[Begriffsglossar ››› Chromatik bis Csound]

Chromatik
(von griech. Farbe ]. Die „Umfärbung“ diatonischer Stufen, die Hoch- oder Tiefalteration um einen Halbton. Der Begriff Chromatik setzt voraus, dass die siebenstufige Diatonik als Grundbestand des Tonsystems gilt. Durch eine chromatische Stufe (fis in der untransponierten diatonischen Skala) wird ein Ganzton (f-g) in einen chromatischen (f-fis) und einen diatonischen Halbton (fis-g) gespalten. In der harmonisch-reinen Stimmung unterscheidet man zwischen einem großen und einem kleinen chromatischen Halbton, 24:25 und 128:135. Chromatik ist am Sinnfälligsten wenn eine diatonische Stufe und eine ihrer chromatischen Varianten einander unmittelbar folgen, zum Beispiel f-fis oder f-fes. Außer Stufen werden auch Intervalle und Tonleitern als chromatisch bezeichnet. Chromatisch sind alle übermäßigen und verminderten Intervalle. Die chromatische Tonleiter beruht auf der Ausfüllung der siebenstufigen Diatonik durch fünf chromatische Zwischenstufen. In der freien und dodekaphonischen Atonalität gelten die zwölf Stufen der Halbtonskala als gleichberechtigt, so dass der Ausdruck Chromatik seinen Sinn verliert.

Cluster
(engl., eigentlich Tone Cluster: Tontraube) ist eine von dem amerikanischen Komponisten Henry Cowell 1912 erfundene und 1930 in seinem Buch New Musical Resources publizierte Bezeichnung für Akkorde, die aus großen und kleinen Sekunden gebildet werden. Cowell leitete diese Klanggebilde aus den höheren Bereichen der Teiltonreihe ab (vom 16. Teilton an), wobei er forderte, den Cluster als Einheit zu behandeln, als ob er ein einziger Ton wäre. Die ursprünglich für Instrumente gedachten Cluster, die als Übergang zwischen Klang und Geräusch fungierten, kommen in der Elektronischen Musik häufig vor, wo sie schließlich, bedingt durch die nahezu unbegrenzte Variabilität der Intervalle innerhalb des Clusters, mit sehr dichten Tongemischen oder Farbgeräuschen identisch werden.

Collage
(Substantivierung von franz. coller = an-, aufkleben) geht auf die „Paiers collés“ von Georges Braque und Pablo Picasso zurück, die damit 1912 den traditionellen Entstehungsprozess des Tafelbildes durchbrachen, indem sie Bruchstücke von Wachstuch und Tapeten in ihre Leinwandmalerei einbezogen. Seither wird der Begriff Collage, ohne dass er terminologisch fest umrissen ist, für künstlerische Artefakte aller Genres benutzt, in denen präexistente Alltags- oder Kunstobjekte eingebunden werden oder die ausschließlich aus zitierten Materialien (fremden wie eigenen) bestehen. Obgleich der Begriff Montage oft synonym zu dem der Collage verwendet wird, taugt er eher dazu neutral den technischen Vorgang des Zusammensetzens zu bezeichnen. Denn der Collage liegt stets auch ein ästhetisches Prinzip mit Referenzcharakter auf Bestehendes zugrunde, das auf die Integration der in der realen Wirklichkeit erfahrenen Diskontinutäten im Kunstwerk zielt, und solches ist als Phänomen erst Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts festzustellen. So besitzen frühere collage-artige Erscheinungen, die vereinzelt durchaus schon in früheren Jahrhunderten anzutreffen sind, etwa das musikalische „Quodlibet“ der Renaissance und das im 19. Jahrhundert beliebte „Potpourri“, zwar mit dem Amalgamieren verschiedener Zitate die Merkmale einer Collage, doch sind diese nicht Ausdruck der als heterogen erfahrenen Welt, sondern Formen der Unterhaltung, die als kompositorische Beweise der Könnerschaft und als Findspiele fürs bildungsbeflissene Publikum zu verstehen sind. Die historischen Höhepunkte der Collage finden sich in den Künsten vor allem im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und den sechziger/siebziger Jahren und neuerdings — bedingt durch die immense Entwicklung der digitalen Produktionsmitteln — besonders in der explizit elektronischen Popmusik seit den neunziger Jahren, in denen neben Genrebezogenem auch (vorrangig allgemein bekannte) Werke der Ernsten Musik zitiert werden oder diese sogar als Matrix der Neukomposition dienen, sowie in den Hörkunstproduktionen (etwa im Neuen Hörspiel), die größtenteils oder ganz aus Alltagsgeräuschen sich konstituieren. Auch viele Kunstwerke der so genannten Postmoderne tragen, indem dort zahlreiche Zitate oder Allusionen auftreten, Züge der Collage. Auch in der Bildenden Kunst, die die Collage bis zur raumplastischen Assemblage erweitert und mittels der digitalen Technik der letzten Jahren höchst subtile Formen des Verweises, des Fragmentierens von bereits Bestehendem entwickelt hat, und in der Literatur, wo allerdings zunehmend Allusions- und produktive Lesarttechniken eine Rolle spielen, ist eine bewusst gestaltete Rückbindung an Präexistentem zu beobachten. Doch anderes als die ursprüngliche Collage integrieren die zur Postmoderne gehörenden Gebilde nicht alltagsbezogene, „hässliche“ Materialien, sondern tendieren meist zu „schönem“ Vorgefundenem, das heißt zu solchem der etablierten Kultur und des intellektuellen Wissens. Trotz dieses ästhetischen Unterschieds zeigt sich auf der rein technischen Ebenen, der des Zitierens und Montierens keine Differenz, zwischen den Collage der der Moderne zugerechneten „Ismen“ und denen der „nachmodernen“ Kunstrichtungen. Begriffe aber, die diese konzeptuellen Unterschiede markieren, existieren allerdings nicht. So gesehen bleibt Collage ein verhältnismäßig konturloser Begriff, der stets am einzelnen Kunstwerk auf seine Tauglichkeit hin überprüft werden muss. Das einzig gemeinsame Kriterium aller Collagen, ist das Zitieren von Präexistentem.

Colla-Parte-Partitur
Colla parte ist eine musikalische Anweisung, die besagt, dass die Begleitstimmen sich der Solostimme im Tempo anpassen. Als Abkürzung in einer Partitur bedeutet Colla parte, dass eine Stimme der Melodielinie folgt, ohne dass sie nochmals ausgeschrieben wird. Meist deutet eine Wellenlinie die Dauer der Colla-parte-Notation an.

Computermusik
Zusammenfassende Bezeichnung für Musik, für deren Entstehung die Verwendung eines Computers notwendig oder wesentlich ist. Die Verwendung des Computers kann dabei auf verschiedenen Ebenen des musikalischen Kompositionsprozesses erfolgen: sowohl zur Erzeugung eines elektroakustischen Klangs (Klangsynthese), als auch zur Errechnung einer Partitur (Partitursynthese). Der Oberbegriff „Computermusik“ meint somit weder eine musikalische Gattung, noch einen spezifischen musikalischen Stil. Die ersten Versuche mit computergesteuerter Musik datieren zurück auf Mitte der fünfziger Jahre. Synchron zur Entwicklung der Elektronischen Musik, galt ein besonderes Interesse der Komponisten dem musikalischen Parameter der Klangfarbe, deren Digitalisierung ein Eindringen in die musikalische Mikrostruktur und deren Steuerung erlaubte, wie es mit traditionellen Instrumenten nicht möglich schien. Iannis Xenakis beispielsweise begründete 1960/61 als erster Komponist eine Kompositionstheorie auf der Grundlage des neuentwickelten Verfahrens der Klangsynthese mit Klangquanten (Erzeugung eines neuen Klanges durch Aneinanderreihung elementarer Einzelklänge). Auf der Ebene der Partitursynthese ist die Illiac Suite für Streichquartett (von Lejaren A. Hiller und Leonard M. Isaacson, 1955/56 an der University of Illinois entwickelt) das bekannteste Beispiel unter den ersten computergestützten Kompositionen. Durch Programmierung von verschiedenen Kompositionsregeln und abhängigen Zufallsgrößen erreichten Hiller und Isaacson, dass nicht nur jeweils eine Komposition, sondern eine Klasse von Kompositionen, die dem jeweils programmierten Stil entsprechen, errechnet werden konnten. Aufgrund zu langer Rechenzeiten und zu geringer Speicherkapazitäten trat eine dem Weg der Elektronischen Musik vergleichbare Entwicklung, wo bereits Mitte der sechziger Jahre eine Verlagerung der Klangproduktion aus dem Studio in den Konzertsaal (Live-Elektronik) stattfand, bei der Computermusik erst mit einiger Verzögerung ein. Erst Ende der siebziger Jahre gelang es mit Hilfe neuer Computergenerationen, die computergesteuerte Klangwelt im Augenblick ihres Erklingens, das heißt in „real-time“ zu generieren. So wurden 1978 in Donaueschingen Computer-Kompositionen von Balz Trümpy (Wellenspiele) und Jean-Claude Risset (Mirage) uraufgeführt: „Envelope followers“ analysieren hier die „Hüllkurven“ (Amplitudenverlauf in der Zeit) der von traditionellen Instrumenten gespielten Klänge. Die resultierenden digitalen Informationen werden von einem Computer verarbeitet, der wiederum einen „digitalen Sound Processor“ mit seinen Informationen speist, so dass der synthetische Klang den Lautstärkeveränderungen des Instrumentalklanges Antwort gibt, diesem aber zugleich als eigenständige Struktur gegenübertritt. In jüngster Zeit werden musikbezogene Anwendungen auch auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz erprobt; einer Disziplin der Informatik, die versucht, die Struktur des menschlichen Gehirns — die Informationsverarbeitung vermittels Neuronaler Netze — auf einen Computer zu übertragen, um so einen Ablauf kognitiver Prozesse zu generieren.

Csound
Software zur Programmierung von Klangsynthesen. Die erste Version wurde 1985 von Barry Vercoe am Massachusetts Institute of Technology entwickelt.