Erlebte Geschichte - Home

GLOSSAR

[Begriffsglossar ››› Geräusch bis Installation]

Geräusch
wird in der Akustik definiert als Tongemisch, das sich aus sehr vielen Einzeltönen zusammensetzt, deren Frequenzdifferenzen überwiegend kleiner sind als die tiefsten hörbaren Töne (16 Hz). Das Geräusch mit der größten Dichte und Ausdehnung ist das Weiße Rauschen. Jeder Schall wird mehr oder weniger von Geräuschen beeinflusst, sei es der mechanisch durch Musikinstrumente (zum Beispiel Bogen-Geräusch bei Streichinstrumenten), sei es der elektrisch durch Generatoren erzeugte Schall (Verzerrungen). Bei Instrumenten sind diese Geräusch-Anteile nicht unwichtig für die subjektiv empfundene Klangfarbe; in der Elektronischen Musik bereitet der während der Studioarbeit ungewollt entstehende Geräuschpegel oft große Schwierigkeiten. Das Geräusch als freigestaltbare musikalische Größe wurde nach den instrumentalen Versuchen des Futurismus durch die technischen Mittel der Elektronischen Musik komponierbar. Sie erst gestatten eine exakte Festsetzung aller parametrischen Elemente von Geräuschen wie Geräuschhöhe, -dichte, -breite oder -intensität und machen es damit möglich, die hohen Verschmelzungseigenschaften der Geräusche kompositorisch bewusst zu verwerten. Dabei macht es weder physikalisch noch psychologisch (wohl aber technisch und kompositorisch) einen Unterschied, ob solche Geräusche aus einem breitbandigeren Geräusch im analytischen Abbau selektiv herausgelöst, oder ob sie aus einzelnen genügend nahe beieinander liegenden Sinusschwingungen im synthetischen Aufbau additiv zuammengesetzt werden.

Geräuschkomposition
bezeichnet als Sammelbegriff jene Werke, die vor allem Geräusche als Kompositionselemente verwenden. Das galt zunächst für die Stücke des musikalischen Futurismus, die heute längst vergessen sind, aber einen historisch wichtigen Versuch darstellten, Geräusche künstlerisch zu organisieren. Edgard Varèse, obwohl mit den futuristischen Experimenten vertraut, ist keineswegs, wie es häufig dargestellt wird, der Vollender der erfolglosen bruitistischen Musik gewesen. Seine Vorstellungen von rhythmischen Strukturabläufen und klanglichen Bewegungen sind von anderer künstlerischer Prägung, ebenso seine Ansichten über das Instrumentarium. Varèses Klangbilder, „eingehüllt“ von höchst differenzierten Geräuschfarben eines emanzipierten Schlagzeugs, sind hochorganisierte, permanente Entwicklungen musikalischer Modelle, von der einfachen Tonrepetition bis hin zu vielfachen polyphonen Schichtungen von motivischen Folgen. In vertikalen Strukturen, die als Ganzes gesehen statisch sind, aber immer wieder neu aufgebaut und dadurch in sich dynamisch werden, bewegen sich lineare, melodische Modelle. Kompositionen wie Hyperprism (1924) oder Integrales (1926), mit ihren aus der Kombination von Blas- und Schlaginstrumenten entstehenden Klang-und Geräuschkomplexen und einer Vielzahl so kontinuierlicher Klang-/Geräuschverschmelzungen, wie es die Instrumente nur zuließen, kann man als Geräuschkompositionen bezeichnen, mit denen sich die mittelmäßigen Geräuschstücke der Futuristen aber weder qualitativ noch stilistisch messen lassen können. Ähnliche Techniken benutzte, mit der Berufung auf die futuristischen Gedanken und Experimente, auch die frühe musique concrète, deren erste, 1948 vom französischen Rundfunk ausgestrahlte Sendung sich „Concert de bruits“ nannte. Diese Musik zeigt in drastischer Klarheit ein Dilemma von Geräuschen: Die Herkunft des Materials als Alltagsgeräusch führt zu Assoziationen beim Hören, die den musikalischen Sinn der Komposition deformieren können. Denn das Geräusch als musikalische Kategorie muss gelöst sein von seinen konkreten Bezügen zur Außenwelt, auch wenn es von dort stammt. Erst dann kann es zum ästhetischen Objekt werden, auf das kompositorische Kriterien angewandt werden können. Als akustisches, für sich selbst bestehendes Schallereignis zählt dann das Geräusch zur musikalischen Substanz wie der Ton, und wie er lässt es sich in kompositorischen Bezügen ordnen. Seit die Elektroakustische Musik durch die gezielte Komponierbarkeit von Tongemischen und Farbgeräuschen die postulierte Gegensätzlichkeit von Klängen und Geräuschen endgültig aufhob und kontinuierliche Übergänge möglich machte, ist der Begriff „Geräusch“ mit dem parallel gehenden Verlust des Konsonanz/Dissonanz-Bewusstseins fast ganz verschwunden. Auch in der Instrumentalmusik hat der Gebrauch von Geräuschfarben jenen Grad der selbstverständlichen Gleichberechtigung, manchmal geradezu einer neuartigen „Harmonie“, erreicht, der den Terminus Geräusch als besondere Spezies der Musik wohl überflüssig gemacht hat.

Glissando
kontinuierlicher Gleitton, ist der bekannte im 19. Jahrhundert oft in Noten ausgeschriebene Instrumentaleffekt für Streicher, Klavier, Harfe, einzelne Blasinstrumente und Pedalpauke; als chromatisches Glissando auch auf der Orgel und als stufenloser Gleitton im Gesang vorkommend. Elektronisch ist das Glissando ebenso einfach herzustellen (auf der stufenlosen Gleitskala eines Schwebungssummers) wie wirksam auszuwerten. Bestimmungsgrößen des Glissandos sind das Intervall, das durchlaufen wird, und die Zeit, in der es durchlaufen wird. Das Intervall kann, je nach kompositorischer Absicht, festgelegt werden, etwa auf eine Oktave von g bis g , die Zeit auf 1, 11/2 2, 3 sec und mehr. Aus dem Sinuston-Glissandio kann durch Verhallen ein farbiges Rauschen gewonnen werden, dessen Bandbreite von der Änderungsgeschwindigkeit der Augenblicksfrequenz abhängt.

Gravesaner Blätter
Vierteljahresschrift für «musikalische, elektroakustische und schallwissenschaftliche Grenzprobleme». Die Zeitschrift erschien von 1955 bis 1966 und wurde von Hermann Scherchen herausgegeben.

Hungaroton
1951 gegründet, hielt Hungaroton bis Ende der achtziger Jahre das Monopol für die Tonträgerproduktion in Ungarn. Während der Zeit als staatseigenes Unternehmen entstanden über 10 000 Tonträger, die seit Mitte der 1960er Jahre zunehmend exportiert wurden. 1995 erfolgte die Privatisierung. Heute veröffentlicht Hungaroton etwa 150 Tonträger pro Jahr, in der Mehrzahl Aufnahmen klassischer Musik.

IG Farben-Orchester
Das Philharmonische Orchester der I.G. Farben war das Werksorchester der I.G. Farbenindustrie AG, von 1925 bis 1945 das weltgrößte Chemieunternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main.

Impressionismus
ein kunstgeschichtlicher Stilbegriff, der aus dem Bereich journalistischer Kunstkritik stammt (geprägt 1874 in Anlehnung an den Titel des Gemäldes Impression — soleil levant von Claude Monet), zunächst ein Modewort negativ polemischen Charakters. In einer Kritik von 1887 wurde auch die Musik Claude Debussys als „vager Impressionismus“ gerügt, im Sinne von Übertreibung des „Gefühls für die musikalische Farbe“ und Vernachlässigung von „Zeichnung“ und „Form“. Im Wesentlichen hat erst der Expressionismus, der in Malerei, Literatur und Musik gleichermaßen umfassende künstlerische Bewegung war, nachträglich den Stilbegriff des Impressionismus hervorgerufen: In der Kunstwissenschaft spricht man allgemein von Impressionismus etwa seit 1910, in der Musikwissenschaft etwa seit 1925. Dabei spielte auch das Bedürfnis nach kontinuierlicher Stilgeschichte sowie der Gedanke übergreifender Gemeinsamkeiten der Künste (wie sie für den Expressionismus allerdings zutrafen) eine Rolle. Insgesamt jedoch beruht die Vorstellung eines musikalischen oder literarischen Impressionismus auf bloßen Ableitungen und hypothetischen Analogien und ist daher von geringem kunsthistorischen Wert. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass — im Gegensatz zur Malerei — in Musik und in Literatur nicht eine Gruppe von Künstlern benannt werden kann, die die Bewegung getragen hätte. Geht man, wie üblich, beim musikalischen Impressionismus von einem Primat des Klanges (= Farbe) gegenüber der Melodie (= Zeichnung) aus, so handelt es sich lediglich um allgemeine Merkmale, die für weite Bereiche der Musik des späten 19. Jahrhunderts, sogar auch früherer Zeit gelten, jedoch keineswegs die Konstituierung eines Stilbegriffs rechtfertigen. Die neuere Debussy-Literatur hat überdies hervorgehoben, dass Debussy weniger impressionistischer Malerei als symbolistischer Malerei und Literatur nahestand und von russischer und fernöstlicher Musik beeindruckt wurde.

Instrumentales Theater
Von Mauricio Kagel und Heinz-Klaus Metzger in Begriff und in Sache von Kagel und John Cage begründeter Typus des modernen Musiktheaters. Das Instrumentale Theater basiert auf einer direkten Wechselbeziehung von Musik und Szene unter Verzicht auf eine sprachlich vermittelte Handlung und hat die Identität von Instrumentalisten und Schauspielern zur Voraussetzung. Zum einen werden gestische und affektive Momente des Musikmachens und -rezipierens in zumeist parodistischer Absicht verselbständigt und szenisch vergegenwärtigt. Zum anderen wird, der Idee einer sichtbaren Musik folgend, die szenische Aktion musikalischen Gestaltungsprinzipien unterworfen. Kompositorisch versteht sich das Instrumetale Theater somit nicht nur als Festlegung eines klanglichen Resultats, sondern zudem auch des Ablaufs eines musikalischen Produktionsprozesses. Szenisch vergegenwärtigt wird beispielsweise in Kagels Match (1965) die Wettstreitsituation zweier Cellisten vor einem Schlagzeuger als Schiedsrichter, in Staatstheater (1971) sind es — mittels eines beliebig ausschöpfbaren Fundus bizarrer Aktionen und ungewohnter Klangerzeugungen — die eingefleischten Verhaltensweisen des Künstlerpersonals eines Opernhauses. Stücke dieses Genres finden sich ferner bei Dieter Schnebel, Franco Donatoni, Luciano Berio, Karlheinz Stockhausen und Sylvano Bussotti.

Installation
die Anordnung einer Reihe nach dem Konzept des Künstlers oder die Ausgestaltung eines ganzen Raumes (oder seltener auch einer Raumfolge) nach den Vorstellungen eines Künstlers mittels von ihm dafür ausgewählter oder angefertigter Objekte, Materialien und/oder Dokumente aus den Bereichen von Natur und Zivilisation oder auch nur mittels Farbgebung zur Pointierung eines Raumcharakters. Begriffe wie „Installation“, „Raum-Installation“ oder „Video-Installation“ haben heute den Begriff „Environment“, der die Beziehung zum umgebenden Raum in der Regel nicht reflektierte, weitgehend abgelöst.