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GLOSSAR

[Begriffsglossar ››› Neue Einfachheit bis Organistenzwirn]

Neue Einfachheit
schlagwortartige Bezeichnung für die bewusste Abwendung junger deutscher, nach 1945 geborener und um 1975 hervorgetretener Komponisten, von der extremen Strukturierung und Komplexität seriellen Komponierens sowie den zugehörigen ästhetischen Maximen (etwa Wolfgang Rihm, Wolfgang von Schweinitz, Detlev Müller-Siemens, Manfred Trojahn, Peter Michael Hamel, Hans Christian von Dadelsen, Hans-Jürgen von Bose). In Abkehr von den konstruktiven Beschränkungen, wie sie konstitutiv waren für die serielle Musik, bekennen sich die der Neuen Einfachheit zugerechneten Komponisten zum freigelassenen subjektiven Impuls als werkgenerierendes Moment. Der nachdrücklich subjektive Ausdruck ihrer Musik wird dabei zugleich verstanden als kommunikationsstiftende Quelle ihrer Werke, indem der möglichst unmittelbare emotionale Kontakt zu einem möglichst großen Publikum erreicht werden soll (so wird in diesem Zusammenhang auch von „neuer Ausdrucks- bzw. Bekenntnismusik“ oder „Neo-Expressionismus“ gesprochen). Desweiteren ist jener Komponistengeneration bei ihrem Streben nach einer neuartigen musikalischen Verständlichkeit ein vergleichsweise unbefangener Rückgriff auf traditionelles musikalisches Material, auf bekannte musikalische Formen und Sprachmittel gemeinsam, wie er in den beiden Jahrzehnten nach 1950 im ästhetischen Kontext der Neuen Musik noch unvorstellbar gewesen wäre. So war es beispielsweise für Komponisten wie Wolfgang Rihm, Hans-Jürgen Bose oder Manfred Trojahn wieder möglich, Sinfonien im traditionellen Sinne zu komponieren. In einer ersten Reaktion auf die Etikettierung des von seiner Komponistengeneration vertretenen Standpunkts als Neue Einfachheit gelangte Wolfgang Rihm 1977 zu einer instruktiven Umschreibung seiner kompositorischen Intentionen, indem er den Begriff des Einfachen akzeptierte als „Einfachheit der Beziehungen (d. i. formale Klarheit), der Mittel (d. i. materielle Deutlichkeit) und der Emotionen (d. i. inhaltliche Komplexität)“.

New York School
Ursprünglich als Sammelbezeichnung für die in New York tätigen Künstler des Abstrakten Expressionismus eingeführt, wird der Begriff in der Musikwissenschaft seit einigen Jahren auf die Komponistengruppe John Cage, Morton Feldman, Earle Brown und Christian Wolff angewandt.

Operation Blauer Zettel
Bezeichnung für den Wahlbetrug der Kommunistischen Partei Ungarns bei den Parlamentswahlen 1948. Die KP erreichte etwa 18 Prozent ihrer Stimmen durch den Missbrauch so genannter «blauer Zettel» – Stimmzettel, mit denen ein Wähler in mehreren Ortschaften wählen konnte. Maßgeblich betrieben wurde der Betrug durch den damaligen ungarischen Innenminister László Rajk.

Obertöne
sind die über einem Grundton mitschwingenden Teiltöne. Der 1. Teilton ist der Grundton, der 2. (die Oktave) wird als 1. Oberton gezählt, der 3.(die Quinte) als 2., der 4. (die nächste Oktave) als 3. Oberton usw. Diese Doppelzählung nach Teiltönen und Obertönen führt leicht zu Verwechslungen. Deshalb hat der Akustische Normenausschuss (DIN 1311) im Interesse klarer Verhältnisse vorgeschlagen, die mit Ober... beginnenden Ton-, Schwingungs- und Wellenbegriffe nicht zu verwenden. Unverändert in Geltung aber bleibt der Begriff Oberton in akustisch-physiologischen Untersuchungen (Konsonanz, Subjektive Obertöne, Binaurales Hören u.a.).

Offene Form
ist ein vielgebrauchter Terminus, der schon deshalb unbestimmt und vieldeutig bleibt, weil das damit Bezeichnete — was am nächsten läge — nicht als Gegenstück zu einer „geschlossenen“ Form charakterisiert werden kann. Von geschlossener Form ist zum mindesten seit der seriellen und Elektronischen Musik nicht mehr die Rede, und auch die jüngere, sich vom Seriellen lösende Musik versteht unter Form alles andere als eine geschlossene Konzeption. Für theoretische Vorstellungen reicht heute auch nicht mehr die erprobte Formulierung aus, Form sei das Verhältnis der Teile zueinander und zum Ganzen, denn Formteile sind nicht nur gliedernde und gegliederte Abschnitte der Form, sie funktionieren auch als „Strukturen“ eines Formprozesses, der zwar nicht identisch mit der Form ist, von dem aber niemand mehr absehen kann, der die akademisch festgefahrenen Begriffe der Form und Formenlehre hinter sich lassen will. Bei solchen Schwierigkeiten der Auffassung und Definition von musikalischer Form wird man das, was Offene Form sein soll, zunächst auf die Beschreibung äußerer Merkmale beschränken müssen: Offene Form kann vorliegen, wenn Formteile vom Interpreten ausgetauscht werden (wovon der Hörer freilich nichts merkt), oder wenn mobile Prinzipien ein nicht mehr kontrolliertes oder kontrollierbares Element des Unbestimmbaren in die sich damit auflösende Form hineintragen, oder wenn die Form durch aleatorische Einschübe von Zufallspartien ausgehöhlt wird. Wie und wo hier die Elektronische Musik einzugliedern ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Auf Unkenntnis beruht die Vorstellung, die Elektronische Musik sei als auf einem Speichermedium endgültig fixierte einer darüber hinausgehenden Formöffnung nicht zugänglich, denn technisch ist es heute möglich, mit elektronischen Mitteln mobile Kompositionen, also solche der Offenen Form, zu produzieren. Auf der anderen Seite lässt sich vom Hören aus begründen, dass, wie Konrad Boehmer ausführt, „der Grenzbereich zwischen Struktur- und Klang-Wahrnehmung zum wesentlichen Element der Form“ wird, und dass darüber hinaus die Elektronische Musik das Prinzip der Transposition in ein solches der Transformation verwandelt: „Eine auskomponierte Struktur, die in sich schon formale Prozesse birgt, kann also auf diese Weise wieder zum — in sich reflektierten — Material“ werden. Offene Form wurde mit der Einbeziehung von Zufallsformen in die Musik aktuell. Mehrere Jahre bevor das Aleatorische in Europa Eingang fand, haben die Amerikaner John Cage, Morton Feldman und Earle Brown in den fünfziger Jahren Offene Form kompositorisch praktiziert.

Organistenzwirn
Umgangssprachlicher Begriff für den fantasielosen Gebrauch von Sequenzmodellen in der Orgelmusik, vor allem bei Choralpräludien und Zwischenspielen.