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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

VON GEBROCHENEN KLÄNGEN

[Foto: Cybele Records]

Sons brisés

Juan Allende-Blin

Er ist in seiner zurückhaltenden, feinsinnigen und höchst gebildeten Art der Grandseigneur unter den Nachkriegsavantgardisten: Juan Allende-Blin. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass die Musikgeschichtsschreibung gerade ihn, dessen besondere Aufmerksamkeit immer wieder den vergessenen oder verdrängten Künstlern galt, ebenso ins zweite Glied der Avantgarde zu rücken sucht. Dabei ist er eine wahrlich singuläre Künstlerpersönlichkeit des 20. und 21. Jahrhunderts. Insbesondere seine Entwürfe im Bereich der Akustischen Kunst und des Hörspiels sind Meilensteine europäischer Musik. Dabei sind seine Aktivitäten nicht nur auf den Klang beschränkt. Zu erwähnen sind die Bereiche Malerei, Theater und Literatur sowie seine musikalische Exilforschung.

Allende-Blin hat mit seinen akribischen wissenschaftlichen Arbeiten vielen unserer Generation die Augen geöffnet für vergessene Künstler wie Lothar Schreyer, Erich Itor Kahn oder Ivan Wyschnegradsky, auf den er auch in diesem Interview zu sprechen kommt. Es sind die Ausgegrenzten, denen er Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte, da sie die Wurzeln jener Bäume legten, deren Früchte später dann durch andere geerntet wurden. Juan Allende-Blin wurde 1928 in Santiago de Chile als Sohn einer Familie spanisch-französischen Ursprungs geboren. Der Vater und der Onkel waren Komponisten, die Mutter lehrte Musiktheorie. Mit Unterbrechungen lebt Juan Allende-Blin seit 1951 in Deutschland. «Deutschland ist mein Zufluchtsort. Hier ist mein Zuhause», wie er einst formulierte. «Meine Heimat hingegen umfasst viele Länder und Sprachen.»