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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Klaus Linder

Bereits in der Jugend, während der Zeit des Unterrichts bei seinem Onkel, erfuhren die Kompositionen Allende-Blins einen Prozeß der allmählichen Sättigung und Auflösung tonaler Strukturen, der den Komponisten nach neuen Organisationsmöglichkeiten des klingenden Materials suchen ließ. Daß hierbei die Vertrautheit mit den Werken von Franck, Debussy, Ravel, Varèse die Entwicklung einer eigenen Musiksprache förderte, welche schließlich an die Errungenschaften der Webernschen Reihentechnik anknüpfte, sah Allende-Blin als Ausdruck für die logische Einheit jedes avancierten Musikdenkens. Auf seiner ersten Überfahrt nach Europa brachte er im Gepäck die Transformations pour piano, instruments à vent et percussion (1951) mit. Der Titel des Werks trägt der Überlegung Rechnung, daß die von Webern noch festgehaltenen Formprinzipien wie Sonate und Variation sich auf eine längst athematisch gewordene Musik nicht mehr sinnvoll anwenden ließen: Statt um Variation geht es um Erzeugung neuer Formen durch Transformation von Grundstrukturen in allen Schichten des Materials. Der höhere Komplexionsgrad, der infolgedessen die Rhythmik auszeichnet, erfordert eine nuancierte Verwendung des Schlaginstrumentariums. Das ganze Werk ist asymmetrisch proportioniert; so erklingt etwa das Soloinstrument (Klavier) erst nach einem Drittel der Gesamtdauer.

 

Die Konstruktion neuer, die Gewohnheit irritierender Proportionen des wahrgenommenen Zeitverlaufs charakterisiert jedes von Allende-Blins Werken: die sehr knappen Transformations pour orgue (1952), in denen jeder Ton einmal erscheint, ebenso wie Silences interrompus für Klarinette, Kontrabaß und Klavier oder das Klavierstück Zeitspanne (1971/74). In den letztgenannten Werken verschärft sich die Tendenz, Ereignisse am Rande akustischer Wahrnehmungsgrenzen in die Formarchitektur zu integrieren; diese wird wiederum gestützt durch die proportionsbildende Verwendung der Stille, die sich im Frühwerk durch geplante Anordnung von Pausenwerten herausbildet. Die oft instabilen, klingenden und klanggliedernden Elemente seiner Musik bilden, in Maß und Anzahl wechselnd, Konstellationen aus lange übergangenen, das benutzte Instrument verändernden Möglichkeiten; dies gilt für die Orgel in den Echelons (1962/67), aber auch für die Welt aufzeichenbarer Klänge in seinen vier Hörspielen.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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