Louis Andriessen, geboren am 6.Juni 1939 in Utrecht als Sohn des berühmten Komponisten und Organisten Hendrik Andriessen (1892–1981). Zu Hause herrschte eine auf französische Musik hin orientierte Atmosphäre. Wie der ältere Bruder Jurriaan (geb. 1925) entwickelte Louis sich gleichsam von selber zum Komponisten. Den ersten Unterricht gab ihm der Vater; weiterhin studierte er bei Kees van Baaren am Konservatorium in Den Haag. 1959 erhielt er den Gaudeamus-Preis für Percosse für Flöte, Trompete, Fagott und Schlagzeug (1959). 1961 beendete er seine Konservatoriumsstudien und nahm Unterricht bei Luciano Berio in Mailand (1962–63) und Berlin (1964–65).
Zurück in Holland zeigte er sich als Komponist, der sich lieber von außermusikalischen als innermusikalischen Quellen inspirieren ließ. Vor allem interessierten ihn die wechselseitige Beeinflussung von Musik, Gesellschaft und Politik. 1969 komponierte er zusammen mit Reinbert de Leeuw, Misha Mengelberg, Peter Schat und Jan van Vlijmen das Werk für Musiktheater De Reconstructie [Wiederaufbau] für Solisten, drei Chöre, Orchester und Elektronik auf Texte von Hugo Claus und Harry Mulisch, um das niederländische Musiktheater „wieder aufzubauen“, d.h. zu neuem, sozial engagiertem Leben zu wecken. In ähnlicher Absicht komponierte er 1975 Mattheus-Passie (eine profane Interpretation der Leidensgeschichte auf Texte von Louis Ferron) für Solisten, Chor und Orchester.
Da Andriessen überzeugt war, daß die Musik erst erneuert werden kann, wenn man die Aufführungspraxis erneuert hat, gründete er zwei ungewöhnliche Ensembles. 1972 errichtete er „De Volharding“ [Die Beharrlichkeit], wofür er ein gleichnamiges Stück komponierte (für 3 Trompeten, 3 Saxophone, 3 Posaunen und Klavier). In weiteren Werken für das noch heute aktive Ensemble (z.B. On Jimmy Yancey für Bläser und Klavier, 1973; Workers Union für jede lautklingende Instrumentengruppe, 1975) äußerte er ebenfalls seine linke politische Auffassung. Das Ensemble „Hoketus“, das er 1977 gründete, war weniger politisch als musikalisch orientiert. Andriessen probierte neue Kompositionsverfahren mit einem Doppelorchester aus und erstrebte eine originelle Integration verschiedener musikalischer Stile. 1977 erhielt er für sein Hauptwerk De Staat (1973/76) den Matthijs Vermeulen-Preis und den Hauptpreis der Unesco „Rostrum of Composers“.
1978 wurde Andriessen Lehrer für Instrumentation am Konservatorium von Den Haag. Im letzten Jahrzehnt ist seine Bekanntheit auch international gewachsen. De Snelheid [Die Geschwindigkeit] für großes Ensemble (1984) wurde erstaufgeführt vom San Francisco Symphony Orchestra, und das kalifornische Kronos Quartet nahm Facing Death (1991) ins Repertoire. Auch Andriessens Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Regisseur Robert Wilson im Musiktheaterstück De Materie (1989) – dem Eröffnungswerk des Holland Festivals 1989 – zeigt seine internationale Anerkennung.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik