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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Hans Niewenhuis

Nach einigen Jugendwerken, wie der noch immer gespielten Flötensonate (1956), entwickelte Andriessen über den Serialismus (Séries für zwei Klaviere, 1958) einen originelleren „anti-entwicklungsgerichteten“ Stil. Er begann eine Reihe von Kompositionen, in welchen er „traditionelle Errungenschaften und neue Tendenzen der Musik nach 1950 sich auf technisch-musikalische Weise unterhalten“ ließ. Collagewerke wie AnachronieI für Orchester (1966) und AnachronieII für Kammerorchester (1969), worin er u.a. ein selbst geschriebenes Barockkonzert „zitiert“, waren Andriessens Kommentar zu den Konventionen der Kompositions- und Aufführungspraxis, die er verfremden wollte. Originalität – Mischungen von Zitat, Allusion und neugeschaffener Musik – zeigt die Ordnungsweise der Fragmente.

 

Die Musik der 70er-Jahre – Andriessens Bekanntheit war stark gewachsen – ist weniger collagehaft. Um seine linke politische Überzeugung auszudrücken, schrieb er einerseits unmittelbar ansprechende, die Grenze zwischen klassischen und populären Gattungen durchbrechende Werke wie jene für das Ensemble „De Volharding“; andererseits für einen „klassischen“, durch Minimal Music inspirierten Stil, worin er sich auf eine mehr übertragene Weise mit dem Verhältnis von Musik und Politik auseinandersetzt: z.B. De Staat für vier Frauenstimmen und Orchester (nach Plato, 1973/76) und Mausoleum für zwei hohe Baritonstimmen und Orchester auf Texte des russischen Revolutionärs Michail Bakunin (1979). Vor allem De Staat zeigt einen kräftigen, nicht-ätherischen Minimalismus. Es wird fast immer fortissimo und unisono gespielt.

 

In den 80er-Jahren erscheint die politische Botschaft Andriessens impliziter, mehr auf allgemeine und musikalische Probleme bezogen: De Tijd [Die Zeit] für Frauenchor und Orchester (nach Augustinus, 1981) und De Snelheid [Die Geschwindigkeit] für großes Ensemble (1984). In diesen Kompositionen wiederholt Andriessen aber die Prinzipien seiner Erfolgswerke. Origineller ist Hoketus (1977), das er für das gleichnamige Doppelensemble für Klavier, E-Piano, Altsaxophon, Panflöte, Conga und Baßgitarre schrieb, und worin er die Hoquetustechnik des 14.Jahrhunderts auf verfremdende Weise verwendet. In seinen Werken der letzten Jahre artikuliert Andriessen seine Musik- und Gesellschaftsphilosophie raffinierter (De Materie für Solisten und großes Ensemble, 1989) und mit immer geschickteren Stilmischungen (Jazzthemen im Streichquartett Facing Death, 1991).


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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