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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Susanne Schmerda

Birtwistle, einer der renommiertesten englischen Komponisten, entwickelte schon früh eine eigenständige, in ihrer Unnachgiebigkeit klar profilierte Musiksprache. Archaisch-vertraut und doch wie neu erfunden, altertümlich und modern, gewaltsam und fragil, tragisch, aber auch heiter klingen seine Werke, die von Kammer- und Chormusik über Bearbeitungen von Bach-Kantaten und Gedichtvertonungen bis zu Orchesterwerken und Opern reichen. Die Präsenz des einzelnen Tons und die oft bohrende Beharrlichkeit der Klänge verleihen seiner Musik dramatische Radikalität und physische Präsenz. Modelle seines Komponierens, das in der Ausbildung linearer Strukturen u.a. durch die Malerei Paul Klees beeinflusst wurde, zeichnen sich aus durch eine starke visuelle Vorstellungskraft und bringen oft charakteristische, an Techniken des Mittelalters geschulte Gegenüberstellungen von Vers und Refrain (Refrains and Choruses für Bläserquintett, 1957). Bestimmend für Birtwistles Komponieren bleiben prozesshafte Abläufe, die in der Strenge ihres Vollzugs an abstrakte Rituale denken lassen. Ritual Fragment (1990) erscheint als instrumentales Rollenspiel für 14 Spieler, die mit individuellen Gesten über einer grundierenden Klangfläche agieren.

 

Der Aspekt der vergehenden Zeit bedeutet für seine Musik existenzielle Dringlichkeit. Das Orchesterstück The Triumph of Time (nach einem Kupferstich von Pieter Brueghel d.Ä., 1971/72) vereint den Prozesscharakter einer erzählenden mit einer entwicklungslos in sich kreisenden Musik. Die Organisation der Zeit bildet für Birtwistle den „Kern der Musik. Meine Stücke bewegen sich kreisförmig und nicht von einem Anfang auf ein Ende hin“ (2004). In Theseus Game für großes Ensemble und zwei Dirigenten (2003) finden sich labyrinthisch komplexe Zeitströme, aus denen als Ariadne-Faden eine endlose Melodie herausführt. Das Prinzip dichter Schichtung legte Birtwistle auch dem Orchesterwerk Earth Dances (1986) zugrunde, in dem mehrere Materialzustände einander überlagern.

 

Antike und altorientalische Mythen sind in Birtwistles Schaffen bedeutsam (The Cry of Anubis für Tuba und Orchester, 1994; Tenebrae David für zehn Blechbläser, 2001), insbesondere der Orpheus-Stoff. Mit 36 Jahren näherte sich Birtwistle erstmals der Gestalt des thrakischen Sängers in Form des Klagegesangs Nenia: The Death of Orpheus für Sopran, drei Bassklarinetten, präpariertes Klavier und Zimbeln (Peter Zinovieff, 1970). Zum Höhepunkt seiner Auseinandersetzung mit Orpheus wurde die große Oper in drei Akten The Mask of Orpheus (Zinovieff, 1973/84). Die Titelfigur ist labyrinthischen Verstrickungen in der Zeit ausgesetzt und mehrdimensional zu erleben: als Sänger, als Pantomime, als Puppe. Dabei wird der antike Mythos nicht linear erzählt, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln in sich zum Teil widersprechenden Versionen. Als melancholisch-ironische Annäherung an die Orpheus-Thematik erscheint die Oper The Second Mrs. Kong (Russell Hoban, 1993/94). 70jährig verewigte Birtwistle den griechischen Helden in konzentrierten Momentaufnahmen, den 26 Orpheus Elegies für Countertenor, Oboe und Harfe (nach Rainer Maria Rilkes „Sonetten an Orpheus“, 2003/04).


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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