Konrad Boehmer, geboren am 24.Mai 1941 in Berlin, kam 10jährig nach Köln. 1959–61 nahm er dort (nach ersten autodidaktischen Versuchen) privaten Kompositionsunterricht bei Gottfried Michael Koenig. 1959 besuchte er erstmals die Darmstädter Ferienkurse und nahm an den Kompositionsseminaren von Boulez, Pousseur und Stockhausen teil. 1961 begann er das Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Universität Köln, wo er 1966 mit Zur Theorie der offenen Form in der neuen Musik (Darmstadt 1967, 21988) promovierte. 1961–63 war er Mitarbeiter im elektronischen Studio des WDR. Er assistierte 1961 Bruno Maderna bei der deutschen Erstaufführung von Luigi Nonos „Intolleranza“.
Wegen seines Unbehagens an der politischen Lage in der BRD und angezogen von der damals sehr aktiven kulturpolitischen Szene in der Hauptstadt der Niederlande, übersiedelte er 1966 nach Amsterdam, wo er seither lebt. 1966–68 war er Mitarbeiter im elektronischen Studio (Instituut voor Sonologie) der Reichsuniversität Utrecht. (Seine elektronische Arbeit Aspekt für Tonband, 1966, erhielt 1968 den ersten Preis der V.Biennale de Paris.) Seit 1989 leitet Boehmer dieses inzwischen in die Königliche Musikhochschule Den Haag integrierte Institut.
Als Musikjournalist – er war 1968–73 Musikredakteur der Wochenzeitschrift Vrij Nederland – sowie als aktives Mitglied und (1975–79) Vorsitzender des niederländischen Komponistenverbands (Genootschap van Nederlandse Componisten) spielte Boehmer eine wichtige Rolle im niederländischen Musikleben, indem er für eine intensivere soziale Verbreitung der neuen Musik und für die Rechte der Komponisten eintrat. Seit 1980 ist er Vorstandsmitglied der niederländischen Gesellschaft für musikalische AufführungsrechteMA, seit 1989 Vorsitzender des Conseil International des Auteurs et Compositeurs de Musique. – 1972 wurde Boehmer Professor für Musikgeschichte und neuere Musiktheorie, 1986 auch für elektronische Komposition an der Kgl. Musikhochschule Den Haag. Mehrfach leitete er Kompositionskurse im Ausland, u.a. in Brasilien und Uruguay im Rahmen der Cursos Latinoamericanos de Música Contemporánea (1972; 1973; 1978).
Sein „Drama mit Musik“ Doktor Faustus (UA Paris 1985) erhielt 1983 den erstmals vergebenen Rolf Liebermann-Preis. Sein Musiktheater Woutertje Pieterse wurde 1988 in Rotterdam uraufgeführt. Boehmers intensive schriftstellerische Tätigkeit als Musiktheoretiker und -soziologe zeigen u.a. seine Buchpublikationen: Zwischen Reihe und Pop. Musik und Klassengesellschaft (München-Wien 1970), Gehoord en Ongehoord [Gehört und Unerhört] (Utrecht 1973), Geboeide Klanken [Gefesselte Klänge] (Leuven 1980). Eine Auswahl seiner Aufsätze und Vorträge 1961–91 erschien 1993 in Köln: Das böse Ohr. – Boehmer ist Mitherausgeber der Zeitschrift Interface. Bei der Aufführung eigener Werke trat er gelegentlich auch als Dirigent hervor.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik