Boehmer sieht sich als Erbe und in der Kontinuität sowohl der Aufklärung als auch der Moderne. Das serielle Denken, das „integrale Komponieren“, dem seine frühesten Arbeiten (Variation für 29 Solo-Instrumente, 1959/60; Position für vierspuriges Tonband und Orchester, 1960/61) bereits verpflichtet waren, hat er nie verleugnet. Homogen verbindet er Material, Struktur und Form – dies auch in „offenen Formen“ (Potential für Klavier, 1961; Information für vier Schlagzeuger und zwei Pianisten, 1964/65). Als einer der ersten hat er die elektronische Spannungssteuerung dazu benutzt, die Dimensionen der Tonhöhe und der Zeit aus einem einheitlichen Prinzip zu gestalten (Aspekt für Tonband, 1965/66).
Dennoch weiß Boehmer, spielerisches „enfant terrible“ und strenger Dialektiker zugleich, daß er in einer musikalischen Welt „zwischen Reihe und Pop“ lebt: Seit dem Musiktheaterstück Weg (1969) treten Jazz- und Pop-Musiker neben „klassischen“ Musikern auf – in einigen seiner Werke für Musiktheater (Doktor Faustus, 1980/83) oder in dahin tendierenden Werken (u.a. Apocalipsis cum figuris für achtspuriges Tonband, 4 Schlagzeuger, 2 Pianisten und 3 Pop-Sänger, 1983/84). Die intersoziale Mischung musikalischer Idiome, die sich auf diese Weise einstellt, hat – ebenso wie die Montage verschiedenartiger Texte – politische Relevanz: u.a. in Jugend für 16 Sänger und 12 Instrumentalisten (Ferdinand Kriwet, 1967/68), Schrei dieser Erde für zweispuriges Tonband und Schlagzeug (1978/79), Sainte Justine-Être suprême für zweispuriges Tonband (1989). Auch in Canciones del Camino für Orchester (1973/74), Lied aus der Ferne für Sopran, Klavier und Instrumentalensemble (Ho Chi Minh, 1974/75) finden sich zahlreiche Zitate aus Nationalhymnen, Freiheits- und Revolutionsliedern.
Die Kompositionen Jugend und Weg widerspiegeln das politische Engagement und den politischen Protest der Studentenbewegung der 60er-Jahre. Bis 1973 folgte eine Unterbrechung von Boehmers kompositorischer zugunsten seiner publizistischen Arbeit. In der Trilogie Canciones del Camino (ein argentinisches Auftragswerk), Lied aus der Ferne und Schrei dieser Erde geht es um die Problematik des Verhältnisses von Musik und Politik. Im Musiktheater Doktor Faustus (Hugo Claus, 1980/83) führt etabliertes Wissen zu geistiger Ohnmacht, wird Scharlatanerie zur Überlebensstrategie und Fiktion zum Fanal neuer Zeiten, wobei letztere den kurzsichtigen Interessen des „Jetzt“ zum Opfer fällt. Auch die Musik ist doppelbödig: Sie stellt dar und reflektiert zugleich. Der Geist der Studentenrevolte hat sich dann noch einmal durchgesetzt in der „komischen Tragödie“ Woutertje Pieterse (eigenes Libretto nach Multatuli, 1986/87), dessen skurril-hysterische Atmosphäre durch die nervös-gespannte Musik exemplarisch verkörpert wird. Boehmer, der sich auch als Künstler stets kritisch reflektiert, arbeitet derzeit (1992f.) an einem weiteren Werk für Musiktheater: In Orfeo Demagico (Libretto: Paal-Helge Haugen) thematisiert er die gesellschaftliche Stellung des Künstlers.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik