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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

VON GESPRENGTEN OPERNHÄUSERN

[Foto: Armin Köhler]

...UND ROTEN FAHNEN

Pierre Boulez

Die Neue Musik sei harmlos und gesellschaftlich irrelevant, ihre Komponisten verschrobene, weltferne Gestalten im Elfenbeinturm. So oder ähnlich lautet das immer noch verbreitete Klischee über zeitgenössische Musik. Diese Vorstellung teilte im November 2001 jedoch nicht die schweizerische Polizei: Morgens um vier Uhr holten sie den weltberühmten französischen Komponisten und Interpreten Pierre Boulez aus seinem Hotelbett, unterzogen ihn einem Verhör und verzichteten nur aufgrund seines harmlosen Aussehens darauf, ihn festzunehmen. Boulez als Gefahr für die öffentliche Sicherheit nach dem 11. September? 1967 hatte der elegante Revoluzzer in einem viel zitierten Spiegel-Interview vorgeschlagen, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Daraufhin war er in der Schweiz als potenzieller Terrorist eingestuft worden, und so befürchteten brave Polizisten auch noch 34 Jahre später das Schlimmste, als Boulez in der Stadt weilte, um ein Konzert zu dirigieren.

Der potenzielle Terrorist, Komponist, Interpret, Schriftsteller und Organisator Pierre Boulez steht im Mittelpunkt dieses Hörbildes der Reihe Erlebte Geschichte. Mit der Verve und Eloquenz eines Grandseigneurs und dem ihm eigenen Humor erzählt Boulez von seinem Kompositionsweg, seinem Verhältnis zu Komponisten und Theoretikern wie Cage, Schönberg oder Adorno und erinnert sich mit Amüsement an Pfeifkonzerte in Fis-Dur. Armin Köhler hat Boulez’ Betrachtungen zusammen mit Musik, Zitaten und historischen O-Tönen von Kollegen zu einem unkonventionellen Hörbild verbunden, in dem sogar die Kaffeelöffel in aleatorischen Rhythmen klappern.