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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Biogramm

von Ulrich Mosch

Pierre Boulez, geboren am 26.März 1925 in Montbrison/Loire im Osten Frankreichs, wuchs in einem Ingenieurshaus auf. Bereits früh erhielt er neben der Schule kontinuierlich zunächst Klavier-, später auch Theorieunterricht. Nach zwei vor allem der Musik gewidmeten Studienjahren in Lyon siedelte Boulez im Herbst 1943 nach Paris über und durchlief dort eine außerordentlich kurze Phase musikalischer Studien, teils privat, teils am Conservatoire National Supérieur. Aus der Zeit vor der Übersiedlung stammen erste erhaltene Kompositionen (Lieder, Klavierstücke). Die wichtigsten Lehrer in Paris waren Andrée Vaurabourg-Honegger, Olivier Messiaen und René Leibowitz.

 

Mit der 1.Sonate für Klavier und der Sonatine für Flöte und Klavier entstanden 1946 die ersten Werke, die Boulez in seinen Werkkatalog aufnahm. Fast zugleich mit den ersten gültigen Werken setzte eine bis heute anhaltende, lebhafte publizistische Tätigkeit ein. Mit der Uraufführung der anschließend jedoch zurückgezogenen Polyphonie X für 18 Instrumente (1951) bei den Donaueschinger Musiktagen 1951 fand Boulez' Schaffen erstmals international Beachtung. Den endgültigen Durchbruch verschaffte ihm 1955 die UA der Kantate Le Marteau sans Maître für Altstimme und Instrumentalensemble (René Char, 1952/54; rev.1957) auf dem Weltmusikfest der IGNM in Baden-Baden.

 

Als einer der neben Stockhausen, Nono und Maderna profiliertesten Vertreter der seriellen Musik nahm Boulez erstmals 1952 an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, deren Gesicht er als Dozent ab 1954 bis zur Mitte der 60er-Jahre immer wieder entscheidend prägte. Aus einer Vorlesungsreihe in Darmstadt 1960 ging sein bedeutendstes theoretisches Werk, Musikdenken heute (teilweise veröffentlicht 1963), hervor.

 

Mit der Verpflichtung zum Leiter der Theatermusik der Schauspieltruppe Madeleine Renaud/Jean-Louis Barrault, für die er Schauspielmusiken und Arrangements schrieb, begann 1946 Boulez' Dirigententätigkeit, die später immer mehr in den Vordergrund trat. Wesentliche Stationen der Dirigentenkarriere waren: 1953–54 Leitung des Domaine musical (bis 1967); 1959 Nachfolger von Hans Rosbaud bei den Donaueschinger Musiktagen; Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra London (1971–75) und der New Yorker Philharmoniker (1971–77), musikalische Leitung des von Patrice Chéreau inszenierten „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth (1976–80). Boulez ist zudem Gründer (1976) und langjähriger Leiter des „Ensemble InterContemporain“.

 

Boulez war mehrfach für kürzere Zeit pädagogisch tätig, so u.a. 1960–63 an der Musikakademie Basel (Analyse- und Kompositionskurse) und 1963 an der Harvard University. Im Auftrag des französischen Staatspräsidenten hat er seit 1971 das Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) in Paris aufgebaut und ist seit der Eröffnung 1976 Direktor.

 

Neben vielen Schallplattenpreisen wurden Boulez zahllose Ehrungen zuteil, darunter mehrere Ehrendoktorate, zuletzt an der Universität in Frankfurt/Main (1991), eine Professur am Collège de France (1976), der Ernst von Siemens-Musikpreis (München 1977), der Premium imperial (Tokyo 1989) und der Theodor W.Adorno-Preis (Frankfurt/Main 1992).


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik