Pierre Boulez' Musik verbindet ausgeprägten kompositorischen Konstruktivismus mit äußerst differenzierter Klanglichkeit. Sein Schaffen zeichnet sich aus einerseits durch häufig langdauernde Entstehungsprozesse mit zum Teil mehrfachen Überarbeitungen der Werke oder ihrer Teile (work in progress), andererseits durch vielfaches Wiederverwenden kompositorischen Materials in unterschiedlichen Werken (oft über lange Zeiträume). Das Gesamtwerk seit den frühen 50er-Jahren gliedert sich in wenige Werkfamilien und ist von einem Netz von Beziehungen durchzogen. – Entscheidend für den Ansatz des Komponisten war der Versuch, die Reihentechnik der 2.Wiener Schule (Weberns vor allem) und die rhythmischen Konstruktionsverfahren Stravinskijs zu verbinden. Der damit einhergehende Zerfall der tradierten kompositorischen Kategorien (Thema, Motiv, Periode etc.) und Formen zeitigte kompositorische Probleme, deren Lösung 1951 – angeregt durch Messiaens Klavieretüde „Mode de Valeurs et d'Intensités“ (1949) – mit der Übertragung des Reihengedankens von den Tonhöhen auf die Tondauern (außerdem auf Dynamik und Klangfarbe) zum „seriellen“ Kompositionskonzept führte. Diese Entwicklung läßt sich von der Sonatine für Flöte und Klavier (1946) über die 2.Sonate für Klavier (1947/48) und das Livre pour Quatuor (1948/49) bis zu den Structures I für zwei Klaviere (1951) als erstem seriellen Werk verfolgen. Bei aller Distanz der von 1951 an entstehenden seriellen Werke hinsichtlich des Klangresultats und der auf Montage beruhenden Kompositionsverfahren blieb für Boulez jedoch der vom Organismusideal geprägte Kompositionsbegriff der 2.Wiener Schule weiterhin bestimmend.
In den folgenden Jahrzehnten wurde der serielle Kompositionsansatz zwar modifiziert, aber nie grundlegend in Frage gestellt. Der Aufbau neuer kompositorischer Mittel ging einher mit der Umsetzung konzeptioneller Neuerungen, die u.a. drei zentrale kompositorische Bereiche betrafen: das Verhältnis von Text und Musik (Le Marteau sans Maître nach René Char, 1954/57 und Pli selon pli nach Stéphane Mallarmé, 1957/62), die Formkonzeption – zum Teil auf der Grundlage gelenkter Aleatorik – (z.B. 3.Sonate für Klavier, 1955–57/1963; Eclat/Multiples für 25 Instrumente, 1965/70; Figures, Doubles, Prismes für Orchester, 1957/63) sowie eine flexible, räumliche Klangdisposition (z.B. Poésie pour Pouvoir für drei Orchester und Tonband nach Henri Michaux, 1958; Rituel für acht Orchestergruppen, 1974/1975).
Mit der zunehmenden Auslastung durch die zahlreichen Verpflichtungen trat das Komponieren seit den frühen 70er-Jahren merklich zurück. Hauptwerk dieser Jahre und Frucht von Forschungen am IRCAM ist Repons für Soloinstrumente, Instrumentalensemble und Live-Elektronik (1980/84). Neben kontinuierlicher Arbeit an einzelnen Projekten entstanden Bearbeitungen und Neufassungen früherer Werke wie z.B. Notations I-IV für Orchester (1980; Bearbeitung und Erweiterung der ersten vier Stücke aus Douze Notations für Klavier, 1945).
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik