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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

ICH BIN MEIN EIGENES LAGER

[Foto: Armin Köhler]

oder: Von Komponisten und Interpreten

Elliott Carter

Elliott Carter, Jahrgang 1908, war befreundet mit zahlreichen herausragenden Persönlichkeiten der amerikanischen Gesellschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie zum Beispiel mit Alfred H. Barr jun., dem Gründer des Modern Art Museums in New York. Er wurde gefördert durch keine Geringeren wie Charles Ives, Nadja Boulanger oder Edgard Varèse, war in den 1930er Jahren Musikkritiker der renommierten New Yorker Zeitschrift für Moderne Musik, Musikdirektor des «Ballet Caravan», Mathematiklehrer an einem College in Annapolis und zwischen 1943 und 1945 zuständig für das gesamte Musikprogramm der Radiosender für die alliierten Soldaten in Europa. Wessen Aussagen könnten also geeigneter sein für eine Sendereihe, die sich «Erlebte Geschichte» nennt?

Aufgewachsen in einer reichen Kaufmannsfamilie, die ihm Studienreisen durch ganz Europa ermöglichte, studierte Carter in den USA und in Frankreich. Seinen musikalischen Durchbruch errang er erst 1953 im Alter von über vierzig Jahren mit seinem 1. Streichquartett, das in Liège den ersten Preis eines Kompositionswettbewerbs errang. In den USA war und ist er bis heute – bei aller Anerkennung – ein Außenseiter: Er zählte weder zu den Avantgardisten um John Cage oder den Minimalisten um Steve Reich und deren Nachfolger, noch zu jener Klientel, die sich dem amerikanischen Populismus zuwandte. Obwohl sich Carter bereits in den 1930er Jahren von den ästhetischen Vorstellungen Ives’, seines Mentors aus Jugendjahren, abwandte, sind dessen Einflüsse simultaner Schichtungen von Ereignissen in seinen Werken bis heute ebenso unüberhörbar wie die kontrapunktische Strenge einer Nadja Boulanger.