Carters Schaffen ist tief verwurzelt in den Erfahrungen der musikalischen Moderne der 20er-Jahre. Obwohl er mit der Musik von Charles Ives, Béla Bartók sowie Arnold Schönberg eng verbunden war, zeigen seine frühen erhaltenen Werke – überwiegend Vokalwerke – vor allem neoklassizistische Einflüsse. Carter war jedoch nie ein Anhänger des populistischen Amerikanismus und entwickelte schon in den 30er-Jahren eine Ästhetik, die auf die geistige Aktivierung des Hörers durch anspruchsvolle Kompositionen abhebt.
Während Carter frühzeitig für sein Œuvre wesentliche ästhetische Maximen entwickelte, war seine gleichzeitige kompositorische Entwicklung noch stark im Fließen begriffen. Nachdem er während der Zeit des 2. Weltkriegs endgültig zu der Überzeugung gelangt war, dass Musik nicht Weltflucht, sondern Reflexion über die Lebenswirklichkeit zu sein habe, widmete er sich fortan der systematischen Ausformulierung einer eigenen musikalischen Sprache in rein instrumentalen Werken, die fast alle den Charakter von chef d'œuvres tragen. Kontinuierlich entfaltete er in einem auf wenige Werke konzentrierten Schaffensprozess einen Stil, der im 1. Streichquartett (1950/51) eine erste Zusammenfassung erfuhr. Dort synthetisierte er verschiedene Einflüsse: von Ives das Konzept der Simultaneität verschiedener Ereignisse, von Nadia Boulanger die strenge kontrapunktische Kontrolle und das Prinzip des fließenden Übergangs, das auf rhythmischer Ebene durch die Technik der „metric modulation“ repräsentiert wird. Der Grundsatz der Befreiung der Form von vorgefertigten Schemata ist ein Ergebnis von Carters Nachdenken über das Wesen und die Erfahrung der Zeit, das sowohl von Philosophie und Literatur als auch von musikalischen Vorbildern – Debussys Spätwerk und den frei-atonalen Werken Schönbergs – angeregt wurde.
Diese Prinzipien entwickelte Carter weiter – bis hin zur radikalen Individualisierung der einzelnen Instrumentalstimmen im 2. Streichquartett (1958/59), die er seit den 60er-Jahren in immer neuen Konstellationen auch auf die Überlagerung verschiedener musikalischer Schichten in groß besetzten Orchesterwerken übertrug. Zur gleichen Zeit erarbeitete er in seinem privaten Harmony Book, in dem er die möglichen spatialen Verteilungen von drei- bis zu siebentönigen Akkorden erkundete, Grundlagen für eine verstärkt rationale harmonische Organisation seiner Werke.
Mitte der 70er-Jahre wandte sich Carter erneut auch der Vokalmusik zu. Die nun erfolgte Konsolidierung seiner musikalischen Sprache führte in den 80er-Jahren zu einer quantitativen Steigerung seines kompositorischen Schaffens, das seitdem auch kleinere Werke umfasst. Der Bogen des Spätwerkes reicht von kurzen Kammermusikstücken über weitere Streichquartette und Solokonzerte für Oboe, Violine und Klarinette bis zu der als ein Hauptwerk konzipierten dreisätzigen Symphonia. Sum Fluxae Pretium Spei für Orchester (1992/97) und dem 1999 in Berlin uraufgeführten Operneinakter What Next? (Paul Griffith, 1997/99).
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik