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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

DAS MUSIKALISCHE KUNSTWERK ALS LEBENDIGER ORGANISMUS

[Foto: Armin Köhler]

oder: Von evolutionären Ideen

Friedrich Cerha

Kaum ein anderer konnte der Neuen Musik seines Landes so viel Impulse geben wie der österreichische Komponist Friedrich Cerha, der in der Nachkriegszeit zweifellos tonangebend für die radikale Erneuerung der Musiksprache in Österreich war. Mit der Gründung des Ensembles «die reihe» im Jahre 1958 konfrontierte Cerha das Publikum erstmals kontinuierlich mit der Musik der Zweiten Wiener Schule und schuf so die Voraussetzungen für die Vielgestaltigkeit des aktuellen Musiklebens Österreichs. Seine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Zweiten Wiener Schule gipfelte in der Vollendung von Alban Bergs Oper Lulu, zu der Cerha die Instrumentation des 3. Aktes beitrug und die Lücken des Fragments ergänzte. Als Komponist entwickelte Cerha eigenständige serielle Techniken und Klangphänomene in erlebnisorientierter Formung. So vereint seine bekannteste Oper Baal, eine Parabel kreativen Glückverlangens, alle Möglichkeiten der Strukturbildung – Klangfelder ebenso wie klar umrissene melodisch-harmonische Gestaltbildungen. Cerha distanzierte sich allzeit von Haltungen, die von Zeitgeist und Moden schwanger gingen und favorisiert stattdessen kompositorische Ideen, die in die Tiefen des Materials hinabsteigen, um dort ihre Wirkkräfte zu entfalten.