Erlebte Geschichte - Home

Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Biogramm

von Werner Grünzweig

Friedrich Cerha, geboren am 17.Februar 1926 in Wien. Seine ersten Kompositionen schrieb er als Neunjähriger. Er besuchte in Wien das Realgymnasium. 1943 zur NS-Wehrmacht einberufen, schloß er sich bald dem Widerstand an und lebte unmittelbar nach dem Krieg als Bergführer in Tirol. Ende 1945 kehrte er – zunächst widerstrebend – in akademische Ordnungen zurück: Er studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie an der Wiener Universität, wo er 1951 mit Der Turandot-Stoff in der deutschen Literatur promovierte. Parallel dazu studierte er an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst Komposition (bei Alfred Uhl), Violine (bei Vaša Příhoda) und Musikerziehung. In den frühen 50er-Jahren kam Cerha in Kontakt mit dem von Malern und Literaten dominierten „Art Club“ sowie mit der österreichischen Sektion der IGNM, in der ihm Josef Polnauer wichtige Interpretations- und Analysehinweise zu Werken der Wiener Schule gab. Ab 1956 nahm Cerha an den Darmstädter Ferienkursen teil. Als Geiger besuchte er Kurse von Rudolf Kolisch und Eduard Steuermann, zwei weiteren intimen Kennern des Musizierideals der Schönberg-Schule. Im Studienjahr 1956/57 nahm er ein Stipendium in Rom wahr.

 

Zunächst war Cerha als Konzertgeiger und Musiklehrer tätig. 1958 gründete er zusammen mit Kurt Schwertsik das Ensemble „die reihe“, das in der Folge Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke, aber auch der Musik der Wiener Schule leistete und internationale Anerkennung gewann. Daneben leitete er seit den späten 50er-Jahren das Ensemble „Camerata Frescobaldiana“, das sich der Musik des italienischen Frühbarock widmete. Einen weiteren erfolgreichen Zyklus neuer Musik in Wien begründete Cerha 1978 unter dem Titel „Wege in unsere Zeit“.

 

Ab 1959 erhielt Cerha an der Wiener Musikhochschule verschiedene Lehraufträge und wurde 1969 zum außerordentlichen Professor ernannt. 1971/72 ging er als Stipendiat des DAAD nach Berlin/West. 1976–87 war er in Wien Professor für Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik.

 

Ab 1961 profilierte sich Cerha zunehmend als Orchesterdirigent. Er arbeitete regelmäßig für bedeutende Institutionen zur Pflege neuer Musik, große internationale Festivals und führende Opernhäuser. Der endgültige Durchbruch in seiner Karriere erfolgte 1981 mit der Uraufführung seiner Oper Baal bei den Salzburger Festspielen sowie seinem Dirigat der österreichischen Erstaufführung der vollständigen Oper „Lulu“ von Alban Berg. Cerhas „Herstellung“ des unvollendet gebliebenen III.Akts dieses Werks (UA 1979 in Paris) hat wesentlich zu seiner internationalen Bekanntheit beigetragen.

 

Für seine kompositorische Arbeit erhielt Cerha mehrere Auszeichnungen, darunter den Preis der Stadt Wien (1974) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1986). – Cerha ist seit 1951 mit der Musikerin und Musikpädagogin Gertraud Cerha verheiratet und hat zwei Töchter.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik