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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Werner Grünzweig

Nach Kriegsende hat sich Cerha zunächst mit dem Neoklassizismus auseinandergesetzt: Das Divertimento für Bläser und Schlagzeug von 1947/48 ist eine Hommage an Stravinskij. Später wurden die Werke Weberns und ab 1956 die seriellen Kompositionstechniken zu Ausgangspunkten für weitere selbständige kompositorische Entwicklungen. Mit den Orchesterwerken Mouvements (1960), Fasce (1959/74) und dem Spiegel-Zyklus (1960/61) hat er sich eine von traditionellen Formulierungen freie Klangsprache geschaffen. Sie unterscheidet sich von auf den ersten Blick ähnlichen Tendenzen in gleichzeitig und unabhängig davon entstandenen Werken von Ligeti oder Penderecki vor allem dadurch, daß faßbare Entwicklungsvorgänge eine entscheidende Rolle spielen und im Verein mit nicht-linearen Prozessen großformale Zusammenhänge stiften, die das Gesamtwerk zu einem kohärenten System, zu einer Art Kosmos werden lassen.

 

Im bisher nicht realisierten „Welttheater“-Konzept zum Spiegel-Zyklus entsprechen die gleichsam aus raum-zeitlicher Distanz betrachteten Verhaltensweisen der „Masse Mensch“ den musikalischen Vorgängen in Massenstrukturen. Im Bühnenstück Netzwerk (1962/80), auf der Basis der bewußt heterogenes Material einbeziehenden Exercises für Bariton, Sprecher und Kammerorchester (1962/67) auf ein eigenes Libretto entstanden, wechseln die Perspektiven zwischen Massenreaktionen und wie unter dem Mikroskop betrachteten Individualbereichen. Stilistisch und strukturell regressive Elemente brechen in eine puristische Klangwelt ein und schaffen komplexe Verhältnisse von Störung und Ordnung in einem Organismus, der dem Bild einer „Welt als vernetztes System“ entspricht.

 

Nach einer Reihe von Instrumentalwerken, die im Interesse einer Erweiterung des ihm verfügbaren Materials direkten Bezug auf historische Idiome nehmen (Curriculum, 1972/73; Sinfonie, 1975) sind in Cerhas Oper Baal (nach Bertolt Brecht, 1974/80) alle bisher erreichten Strukturformen nahtlos ineinander verwoben. Der Einzelne tritt nun ins Zentrum des Interesses; musikalisch reicht die Palette aber von Spiegel-ähnlichen Klangfeldern, die für „Urgrundhaftes“ stehen, bis zu eindeutig artikulierten melodisch-harmonischen Gestalten, in denen sich das differenzierte Beteiligt-Sein des Individuums äußert. Die bewußten stofflichen und musikalischen Bezüge auf Bergs „Lulu“ sind evident. In der Oper Der Rattenfänger (nach Carl Zuckmayer, 1984/86) werden zusätzlich vor allem polyrhythmische Bildungen mit leitmotivischer Bedeutung für Aufruhr und Unruhe integriert. Eine Wiederaufnahme von Auseinandersetzungen mit verschiedenen Formen von Folklore, schon im Frühwerk feststellbar, bezieht sich in kleineren Arbeiten wie den Keintaten für Stimme und Instrumente (nach Ernst Kein, 1982/84) und Eine Art Chansons (u.a. nach Texten der Wiener Gruppe, 1985/87) auf eine Stilisierung und Verfremdung des Wiener Idioms. In den z.T. mikrotonalen Streichquartetten (seit 1989) verstärken hingegen die Einflüsse aus außereuropäischer Musik die Tendenzen zu polyrhytmischen und – metrischen Bildungen.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik