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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Bettina Brand

Paul-Heinz Dittrichs umfangreiches Werkverzeichnis beginnt 1954 noch ganz unter dem Einfluß von Hindemith und Eisler mit einer Violinsonate. Seine erste Begegnung mit der 2.Wiener Schule verdankt er Wagner-Régeny, der ihn auch in die seriellen Kompositionstechniken einführte, ein damals in der DDR tabuisiertes Thema. Dittrichs Werke der 60er-Jahre sind durch das Experimentieren mit diesen Techniken geprägt.

 

Mit Die Anonyme Stimme für Oboe, Posaune und Tonband nach Samuel Beckett eröffnete der Komponist 1972 eine zweite Phase, die er als „phonetisch-instrumentale Poesie“ charakterisiert. Komponieren wurde für ihn von nun an auch zum Einstieg in die literarische Welt. Zunächst übertrug er phonetische Elemente aus dem Dadaismus ins Musikalische. – Seinen Vokalblättern für Sopran und zwölf Vokalisten (1972/73) liegen Texte aus dem Alten Testament, von Joyce, Brecht und Goethe zugrunde. Ariae Sonantes für instrumentale und vokale Gruppen und Orchester (1972/73) basiert ebenso auf phonetischen Elementen einer literarischen Vorlage wie KammermusikIII für Bariton und Bläserquintett mit einem Prolog nach Pablo Neruda und einem Epilog nach Friedrich Hölderlin (1974).

 

1976 begann mit Illuminations für Orchester nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Rimbaud eine dritte Phase der „poetisch-instrumentalen Polyphonie“, die von mehrschichtigem, polyphonem Denken geprägt ist. Nach mehreren Werken für Kammerensemble entstand 1981 Engführung für Sopran, 6 Vokalsolisten, 6 Instrumentalisten, Orchester, Live-Elektronik und Tonband nach Paul Celan, dessen Lyrik Dittrich in seiner kompositorischen Arbeit immer wieder inspiriert.

 

Angeregt durch Adornos Aufsatz „Parataxis. Zur späten Lyrik Hölderlins“ begann für Dittrich 1981 eine vierte Phase: die „parataktisch-instrumentale Mikrophonie“. Diese Phase, die bis heute andauert, ist gekennzeichnet durch das Abrücken von klassischen Formen und linearem Denken. In Etym für Orchester (1981/82) nach Arno Schmidts „Zettels Traum“ werden Teile aneinandergereiht, die zwar in einer gewissen Verbindung zueinander stehen, sich aber nicht zwangsläufig auseinander entwickeln. Diese Konzeption liegt allen nun folgenden Werken zugrunde. Ausgehend von literarischen Vorlagen werden Auswahlprinzipien getroffen, die dann z.B. über Zahlenverhältnisse oder die Häufigkeit von Konsonanten und Vokalen in Tonmaterial übertragen werden. In Poesien (ab 1987), einem noch nicht abgeschlossenen literarisch-musikalischem Projekt, schichtet Dittrich verschiedene Textebenen übereinander und entwickelt ein Sprachkonglomerat u.a. aus Texten von Heiner Müller und Arno Schmidt. Ein weiterer Aspekt in Dittrichs Werk ist das Komponieren in Großformen wie die Concerts avec plusieurs instruments (das bisher letzte entstand 1989 als Nr.VII) nach der Bachschen Idee der „Brandenburgischen Konzerte“ oder Dittrichs Kammermusik-Reihe, die 1990 mit XI nur vorläufig abgeschlossen wurde.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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