Hinter der Karriere des Dirigenten schien der Komponist Peter Eötvös lange Jahre verborgen zu bleiben. Freilich war er keineswegs untätig, auch wenn die meisten der von ihm als gültig erachteten Werke erst seit Mitte der 80er-Jahre entstanden sind. Die u.a. von Gustav Mahler bekannte Doppeltätigkeit bewirkt auch bei Eötvös einen geschärften Selbstanspruch an die eigene Produktion. Dieser ist ablesbar einerseits an langen Entstehungsphasen einzelner Kompositionen, zum anderen daran, dass er zahlreiche Werke überarbeitete, andere wiederum ganz zurückzog: Schreiben und Überschreiben, Entwerfen und Verwerfen charakterisieren die Werkentwicklung.
„Meine Musik ist Theatermusik“ (1995) – Eötvös' Selbsteinschätzung verrät das Gravitationszentrum seines rund 40 Titel umfassenden Œuvres: neue Musik zwischen Stimme und Szene, traditionellem Orchesterklang und Live-Elektronik, Oper, Musik- und Klangtheater. Auch wenn Bartók, Varèse, Stockhausen Bezugspunkte darstellen – Eötvös' Instrumentationskunst, seine Mischungen aus verstärkten und nichtverstärkten Instrumenten, unkonventionelle Orchester-Teilungen (Drei Schwestern, 1998), der Einbezug des Synthesizers (Chinese Opera, 1986/92; Atlantis, 1995) erscheinen als daraus nicht ableitbare Innovationen. Selbst in der Instrumentalmusik sucht Eötvös, szenisch-dramatische Bezüge zu schaffen. In sein bislang einziges Streichquartett Korrespondenz (1992) sind Stellen aus dem Briefwechsel von Leopold und Wolfgang Mozart als Interpretationshilfe in die Partitur eingetragen.
Begründet ist Eötvös' musikdramatische Grundhaltung bereits durch die in Ungarn entstandenen Arbeiten, wovon vor allem seine zahlreichen Bühnen- und Filmmusiken zeugen, in denen er mit elektronischen, dem Stand damaliger Rundfunktechnik entsprechenden Klangformen experimentiert. Doch auch ein autonomes Werk wie Kosmos (1961; 2.Fassg. 1999) ist dafür ein deutliches Indiz, insofern der 17jährige hier unter dem Eindruck des Weltraumflugs von Jurij Gagarin die Vorstellung der Weltentstehung aus einem „Big Bang“ auf das Klavier übertrug.
Mit dem Wechsel von Budapest nach Köln und der intensiven Begegnung mit der elektronischen Musik wurde eine zweite, zunächst noch untergründig wirkende Schaffensphase eingeleitet. Im Umkreis seiner Stockhausen-Erfahrungen kristallisierten sich Werkideen heraus, die – wie Psychokosmos für Cymbalon und großes Orchester (1993) – erst viele Jahre später gültig fixiert werden konnten. Gleiches gilt für seine auf definierten Grundtönen und -zahlen, auf rhythmischen und metrischen Reihen basierenden Windsequenzen für Bläserensemble und Akkordeon (1975; rev. 1987 und 2002).
Orchesterwerke wie Atlantis (1995) und Shadows (1996) signalisieren den Beginn einer hochfrequenten dritten Schaffensphase, die bis heute anhält. Zwanzig Jahre nach seinem Pariser Dirigentendebut, brachte die Uraufführung der Oper Drei Schwestern (Klaus Henneberg/Peter Eötvös nach Antonín Čechov 1996/97; UA Lyon 1998) den internationalen Durchbruch.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik