Das Werk Brian Ferneyhoughs umfaßt zum größten Teil Kammermusik, deren hervorstechendes Merkmal in einer äußerst exakten und detailreichen Notation liegt. Die notationale Praxis Ferneyhoughs, die in ihrer Komplexität die Grenzen des musikalisch Realisierbaren zu überschreiten scheint, ist jedoch von der kompositorischen nicht zu trennen. Die „Schriftlichkeit“ muß vielmehr selbst als konstitutiver Bestandteil einer Kompositionsweise verstanden werden, die ihren Sinn nicht zuletzt aus der notwendigen Intensität der Aufführungspraxis erhält.
Ferneyhough knüpfte in den 60er-Jahren an die im damaligen England kaum rezipierte musikalische Moderne der Wiener und frühen Darmstädter Schule an. Über eine autodidaktische Aneignung serieller Kompositionstechniken in Werken wie den Four Miniatures für Flöte und Klavier (1965) oder den Three Pieces for Piano (1966/67) fand Ferneyhough mit den teils freien, teils zwölftönig strukturierten Sonatas for String Quartet (1967) zu einem eigenständigen Personalstil.
Neben einer Reihe von größeren, extrem polyphon und kammermusikalisch ausdifferenzierten Orchesterwerken wie Firecycle Beta für Orchester mit fünf Dirigenten (1969/71) oder La Terre est un Homme (1976/79) entstanden in den 70er-Jahren Kompositionen für Soloinstrumente, in denen der Schwierigkeitsgrad des Vortrags ein integrales strukturelles Element der Komposition darstellt. Zu nennen sind hier vor allem die Flötenstücke Cassandra's Dream Song (1970) und Unity Capsule (1975/76) sowie die dreiteilige Time and Motion Study (für unterschiedliche Besetzungen, 1971/77), in denen das traditionelle Notensystem in mehrere Ebenen unterschiedlicher Handlungsanweisungen (z.B. für rechte und linke Hand sowie andere zusätzliche Aktionen) unterteilt ist.
Mit Beginn der 80er-Jahre, v.a. mit dem Second String Quartet (1980), dem Klavierstück Lemma-Icon-Epigram (1981) und dem mehrteiligen Kammermusikzyklus Carceri d'Invenzione (1981/86), verlagerte sich der kompositorische Schwerpunkt von der Komplexität des Vortrags auf die der Struktur und Formgestaltung. In diese Zeit fiel auch Ferneyhoughs musiktheoretische Beschäftigung mit den Bedingungen und Möglichkeiten authentischer Form- und Stilbildung im Anschluß an die serielle und postserielle Musik (Form, Figure, Style – An Intermediate Assessment, 1982; Il Tempo della Figura, 1984). In seinem Fourth String Quartet (Jackson Mac Low nach Ezra Pound, 1989/90), das in Anlehnung an Schönbergs 2. Streichquartett op. 10 dem Streichersatz eine Singstimme (Sopran) hinzufügt, hat Ferneyhough diese Fragen unter dem Gesichtspunkt von „Sprache und Musik“, „Sprachähnlichkeit“ von Musik u. ä. thematisiert.
Seit den 90er-Jahren arbeitet Ferneyhough verstärkt auch mit Hilfe des Computers, der es ihm erlaubt, verschiedenste Varianten komplexer parametrischer Strukturen zu erzeugen und daraus auszuwählen. Zur Zeit beschäftigt sich Ferneyhough u.a. mit einem Opernprojekt zum Tode Walter Benjamins.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik