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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Michael Kurtz

Das Studium bei René Leibowitz vermittelte solides handwerkliches Rüstzeug, Luciano Berio gab erste Anregungen in thematischer und ästhetischer Hinsicht. Schon bald traten prägnante eigene Fragestellungen auf, die seither Globokars Schaffen durchziehen. Der Zyklus Discours II-IX (1967/93) hat „Spielen wie Sprechen und Sprechen wie Spielen“ zum Thema: Jeweils gleiche Instrumente oder verwandte Instrumentalgruppen werden in ihrer Affinität zur menschlichen Stimme untersucht. Durch das Instrument wird mit Geräuschen und Klangfarben Sprache imitiert, und beim Sprechen oder Singen der Instrumentalisten werden musikalische Modulationen und Rhythmisierungen auf die Sprache übertragen – Instrumentalklang und Stimme werden einander angenähert. Der Erweiterung der Klangfarben und spieltechnischen Möglichkeiten der konventionellen Instrumente (insbesondere Blasinstrumente und Schlagzeug) gilt ein großer Teil des aus 55 Einzelwerken bestehenden Zyklus Laboratorium für einen bis zehn Spieler (1973/85). In diesem magnum opus instrumentaler und z.T. auch psychologischer Forschung geht es um das Übertragen der Spieltechnik einer Instrumentenfamilie auf eine andere, um die Kombination zweier oder mehrerer Instrumente zu einem „einstimmigen“ Spiel, um die Veränderung des Instrumentalklangs durch Hinzufügen, Wegnehmen oder Austauschen bestimmter Teile des Instruments u.a.m.

 

Die Probleme, mit denen Instrumentalisten heute konfrontiert sind, thematisierte Globokar seit Anfang der 70er-Jahre in einer Reihe von Werken. Hier gab sich der Komponist nicht mit einer kritischen Darstellung zufrieden, sondern fand auch Lösungsmöglichkeiten. In Ausstrahlungen für einen Solisten und 20 Spieler (1971) brilliert z.B. der Solist nicht mit seinen Fähigkeiten, sondern hilft den anderen Musikern, ihre instrumentalen Aufgaben zu bewältigen. In Das Orchester. Materialien zur Diskussion eines historischen Instruments (1974) versucht Globokar, durch musikalische und spieltechnische Aufgaben, Engagement und Verantwortungsbewußtsein der Musiker zu fordern sowie Schwierigkeiten und Zwänge des Musikbetriebs bewußt zu machen: Das Werk wird ohne Dirigent unter gemeinsamer Verantwortung des Orchesters geprobt und aufgeführt.

 

Zu Globokars Kompositionen, die sozialkritische Fragestellungen aufgreifen, gehören Un jour comme un autre für Sopran und Kammerensemble (eigener Text nach dem Brief einer türkischen Frau über ihre Haftzeit, 1975) oder Les Emigrés für fünf Vokalsolisten, fünf Sprecher, kleinen Chor, ein Jazztrio und Orchester (eigene Textcollage sowie Peter Handke, 1982/86). Werke wie z.B. Labour für Orchester (1992) – es steht für die Erinnerung des Studenten Globokar, der einen Pflug durch die slowenische Erde führt – lassen sich keiner dieser Kategorien zuordnen. In seinen bisher etwa 70 Kompositionen hat sich Globokar nicht einer bestimmten Stilrichtung verpflichtet, sondern erfindet die musikalische Sprache und ihre Mittel immer neu aus den Bedingungen des jeweiligen Werks.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik