Cristóbal Halffter hat wiederholt – trotz seines preisgekrönten Scherzo (1951) – die Antífona für Solisten, Chor und Orchester (1952), als sein „erstes Werk“ bezeichnet. Tatsächlich steht sie am Anfang einer Reihe von Werken, die schrittweise seinen Anschluß an die europäische Avantgarde dokumentieren, den er mit der variablen Form seiner Formantes (1960/61) erreicht zu haben glaubte. War die Antífona noch am Spätwerk Fallas orientiert, so belegen die Tres piezas para cuarteto de cuerda [Drei Stücke für Streichquartett] (1955) und die Dos movimientos para orquesta de cuerda [Zwei Sätze für Streichorchester] (1956) einerseits den Einfluß Stravinskijs und Bartóks, andererseits aber auch schon erste Annäherungen an die Zwölftontechnik, die in der Introducción, fuga y final für Klavier (1957) sicher gehandhabt erscheint. In den Cinco [Fünf] Microformas für Orchester (1959/60) schließlich basieren alle fünf Sätze auf einer Reihe Webernscher Prägung, der auch Serien für die Rhythmik und Klangfarbe an die Seite gestellt sind.
Eine wegweisende Entdeckung machte er während seiner Mitarbeit bei Filmen und einer ersten Erfahrung mit der elektronischen Klangverarbeitung: Die Möglichkeit der Schleifenbildung (als Hintergrundsgeräusch bei Filmsequenzen, als Grundlage für synthetische Klangbildung) entzündete seine kompositorische Phantasie. In Espejos [Spiegel] für vier Schlagzeuger und Live-Tonband (1963) werden die Schlagzeuger mit ihrer eigenen Interpretation konfrontiert, in Lineas y puntos für 20 Bläser und elektronische Klänge (1966) führen die Instrumentalisten ihrerseits, in einem freien Wechselspiel untereinander und zu einem synthetisch gefertigten Zuspielband, Schleifen aus.
Die „técnica de anillos“ (anillo = Ring, Schleife) – für Halffter eine schier unerschöpfliche Quelle von Klangkompositionen – verbindet die bekenntnishaften, politisch bis religiös motivierten Werke der Jahre 1968–78 mit denen der bisher letzten Schaffensphase, in der er wieder Anschluß an die europäische, insbesondere spanische Tradition sucht. Zur ersten Gruppe gehören, stellvertretend für viele, die Kantate Yes, speak out, yes für Solisten, zwei Chöre und zwei Orchester (Norman Corwin, 1968) und das Officium Defunctorum für Solistenchor, Chor und Orchester (1977/78) – zur letztgenannten viele Konzerte und Werke, in denen spanische Dichtung, Musik und Malerei vom Mittelalter (Jarchas del dolor de ausencia [Jarchas vom Schmerz der Abwesenheit] für zwölf Stimmen; auf hispano-arabische und -hebräische Dichtungen des 9.–14.Jahrhunderts, 1979) bis zum 20.Jahrhundert (2.Violoncellokonzert, nach Gedichten von García Lorca, 1985) Inspirationsquellen sind.
Zum kompositorischen Gesamtwerk (mehr als 100 Titel sowie zahlreiche Beiträge zu Film, Theater und Ballett) gehören auch z.T. bedeutsame Kompositionen für Kinder und Jugendliche, Gelegenheitswerke und Bearbeitungen spanischer Musik von Antonio Soler bis Isaac Albéniz.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik