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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Hanns-Werner Heister

Um der Unterdrückten willen – dieser Titel des ersten Teils im großangelegten Oratorium mit dem ebenfalls sprechenden Titel Erniedrigt-Geknechtet-Verlassen-Verachtet (1975/82) könnte das Motto für einen Gutteil von Hubers Schaffen sein. Dieses Hauptwerk zeigt als eine Summe sein Bestreben, „Bergpredigt“ und „Kommunistisches Manifest“ zu verbinden. (Der Titel entstammt eben diesem Manifest.) Umfang- und spannungsreich wie der Aufführungsapparat ist die Zusammenstellung der Texte: Ernesto Cardenal, Florian Knobloch, George Jackson, Carolina Maria de Jesus. Die Musik verbindet Grelles und Gräßliches oder „Illustratives“ mit Einfachem und Schönem; Zitate aus der Tradition mit Realitätszitaten von Marschtritten über Folterschreie bis zu Nazi-Schlager und US-Hymne. Es geht um eine umfassende, vielschichtige Darstellung der Welt in internationalistischer Perspektive und unter dem Aspekt ihrer Veränderung. Es geht gegen das „Zähmen des Menschen“ und gegen „die Sklaverei als Basis der Industrie und der Anhäufung des Kapitals“ (E.Cardenal), es geht um eine Welt, in der keiner mehr hungern muß.

 

In Hubers Œuvre überwiegen Werke mit religiösem Einschlag. Im Verein mit seiner Entwicklung einer eigenständigen Musiksprache emanzipierte er sich auch zu einer zu sozialem Engagement drängenden Haltung. In ihr verbindet er die lateinamerikanische „Theologie der Befreiung“ (Leonardo Boff, E.Cardenal u.a.) und die „Theologie ohne Gott“ (Dorothee Sölle) mit einem weltoffenen, aber im Standpunkt und in der Stellungnahme vor allem gegen neo-kolonialistische und imperiale Bestrebungen dezidierten Sozialismus.

 

Huber legt seinen Werken eine extreme, ja exzessive Vor- und Durchorganisation des Materials zugrunde; u.a. schon in Tempora für Violine und Orchester (1969/70). Er hantiert da nicht nur souverän mit den Finessen weiterentwickelter serieller Technik, sondern auch mit ausgreifenden Montage- und Collage-Verfahren, mit denen er textliche wie musikalische Blöcke und Schichten übereinanderbaut; z.B. im Oratorium Inwendig voller Figur (1971) u.a. Deutsch, Griechisch, Latein, Englisch; in der „dialektischen Oper“ Jot oder Wann kommt der Herr zurück? (1972/73) nach einem Text von Philip Oxmann verlangt er zusätzlich Filmeinblendungen und Diaprojektionen. Huber läßt im Innern der Werke eine durchaus esoterische, sogar „hermetische“ Dimension zu. Wesentlich ist dabei aber immer ein sprechender Charakter des Ganzen. Der Rigorosität im Technischen steht eine vielschichtig-anspruchsvolle, aber durchaus den Hörern zugewandte und zugängliche Erscheinung der Werke gegenüber. Die oratorische Groß-Montage Spes contra spem (1986/89), auch ein Stück „Hoffnung jenseits aller Vernunft“ (Th. Mann), plädiert als „Contra-Paradigma“ (K. Huber) zur „Götterdämmerung“ (R. Wagner) gegen Machtwahn und Todesverfallenheit, gegen die tödliche atomare Bedrohung, und plädiert für eine „Umkehrung“ der bisherigen Herrschaftsverhältnisse. Auch das Oratorium La Terre des Hommes (1987/89) auf Texte von Simone Weil und Osip Mandel'štam beschwört eine neue Welt.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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