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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

«DER FLEISCHWOLF GOTTES»

[Foto: Armin Köhler]

oder: Von der Moral beim Komponieren

Mauricio Kagel

«Demokratur» – so nennt Mauricio Kagel die südamerikanische Version einer Diktatur, die vom Volk abgenickt wird. In diesem politischen Klima wächst er auf. Er beginnt zunächst als hoffnungsvoller Pianist, dessen Jugend in Argentinien geprägt ist von mehreren Militärputsche, von der geschickten Machtausübung eines Juan Domingo Perón – und von der kunstbegeisterten Erziehung durch seine jüdische Mutter. Mit einem dabei gewachsenen Zweifel an jeder Ideologie und einem unverkrampften Sinn für Tradition kommt er 1957 nach Deutschland, in eine Komponistenwelt, die sich gerade in Grabenkämpfen aufzuspalten beginnt. Zwischen «Adorniten», «Seriellen» und «Elektronikern» wird der Fortschritt zum Fetisch. Kagel blieb damals ein Außenseiter. Ein neugieriger, offener, die Welt in sich aufsaugender Skeptiker. Einer, der ganz unbescheiden von sich behauptet: «Ich weiß, dass ich ein Klassiker bin.»

In diesem Gespräch nähert sich Armin Köhler dem Komponisten Mauricio Kagel über seine Jugend, sein politisches Selbstverständnis und seine Kunstauffassung. Kagel spricht eindrücklich über seine Schwierigkeiten mit der spezifisch deutschen Ausprägung der Avantgarde und darüber, wie modern zeitlose Kompositionen sein können. Ausschnitte aus argentinischen Liedern, politischen Reden und Einschätzungen von Wegbegleitern verdichten das Hörbild zu einem atmosphärischen Mosaik. Immer mit dabei auch Kagels eigene Werke: im Dialog mit den Traditionen, auf der Suche nach einem wahrhaftigen, moralischen Kunstwerk, dem aber zwischen Blasmusik und Bach-Choral das Lachen nicht vergeht.