Mauricio Kagel, geboren am 24. Dezember 1931 in Buenos Aires, stammte aus einer künstlerisch interessierten Familie mit deutschen, jüdischen und russischen Wurzeln, in der häufig europäische Emigranten verkehrten. Der Vater war Buchdrucker. Die musikbegeisterte Mutter sorgte früh für eine musikalische Ausbildung, in deren Verlauf Kagel Klavier, Gesang, Klarinette, Violoncello und Orgel lernte sowie Musiktheorie (Erwin Leuchter) und Dirigieren Theodor Fuchs). Kompositionsunterricht hatte er kurzzeitig bei Juan Carlos Paz. Der Plan, bei Arnold Schönberg zu studieren, dessen Musik und Handwerk ihn faszinierten, ließ sich nicht realisieren.
Wesentliche Anregungen erhielt er als Pianist und Organisator 1947–54 in der von Paz begründeten Konzertvereinigung „Agrupación Nueva Música“. Hier erklangen erstmals seine Kompositionen. Schon früh beschäftigte er sich umfassend mit den Medien Film und Fotografie. Seine literarischen, philosophischen und ethnologischen Interessen vertiefte er, nachdem ihn das Konservatorium nicht zum Studium zugelassen hatte, an der Universität Buenos Aires und in freien Seminaren von Jorge Luis Borges. Eine Dissertation über Spinoza und Kierkegaard konnte indes aufgrund seines intensiven musikpraktischen Engagements nicht zum Abschluss gebracht werden: Auf Empfehlung von Fuchs wurde Kagel Chorleiter; er korrepetierte (u.a. für Erich Kleiber, der ihn tief beeindruckt hat) und dirigierte an der privaten Kammeroper sowie am Teatro Colón und schrieb Musikkritiken. 1957 kam Kagel als DAAD-Stipendiat nach Köln, um dort im elektronischen Studio zu arbeiten. Hier entstand, nach Vorarbeiten in Argentinien, sein erstes Hauptwerk: Anagrama für Gesangssolisten, Sprechchor und Kammerensemble (1957/58) wies ihn ästhetisch und kompositionstechnisch sogleich als quer denkenden Einzelgänger inmitten der jungen Komponistengeneration aus. Die Aufsehen erregende Uraufführung des „kammermusikalischen Theaterstücks“ Sur Scène (1959/60) in Bremen 1962 – das erste Werk der Kagelschen Gattung „instrumentales Theater“ – zeigte, dass den Südamerikaner vor allem sein gleichermaßen emphatisches wie unorthodoxes Verhältnis zur Tradition von seinen Kollegen unterschied.
Kagels vielfältiges pädagogisches Wirken begann 1960 bei den Darmstädter Ferienkursen. 1964 war er Gastprofessor an der State University in Buffalo, 1967 Gastdozent an der Film- und Fernsehakademie Berlin. 1969–75 leitete er die Kölner Kurse für Neue Musik. 1974–97 war er Professor für Neues Musiktheater an der Kölner Musikhochschule. 1980 erwarb Kagel die deutsche Staatsbürgerschaft. Als Dirigent seiner Musik und Regisseur seiner Bühnenwerke war er weltweit tätig. Seit 1975 fanden über 30 Retrospektiven seines Werkes statt. Ausgezeichnet wurde er u.a. mit dem Karl Sczuka-Preis (1970, 1995), dem Prix Ravel (1999), dem Ernst von Siemens Musikpreis (2000) sowie der Ehrendoktorwürde der Weimarer Musikhochschule (2001) und der Universität Siegen (2007). Mauricio Kagel starb in Köln am 18. September 2008.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik