Die Kompositionen Georg Katzers sind das Ergebnis seiner vielschichtigen Auseinandersetzung mit überlieferten Gattungen und Genres. Er vergrößert den Aktionsradius von Kammermusikensemble und Symphonieorchester durch unkonventionelle, originelle Spiel- und Regieanweisungen, Besetzungen oder provozierende „außermusikalische“ Zutaten im szenischen Bereich, mit denen er erstarrte Rezeptionsmuster aufbricht und damit statisches gesellschaftliches Rollenverhalten zur Sprache bringt. Nach einer Phase adaptierenden Lernens, an Bartók, Eisler und Stravinskij orientiert, gelangte er Ende der 60er-Jahre durch die Vorbilder Lutosławski und B.A. Zimmermann zu einer breiteren Ausdrucksskala. In den OrchestersonatenI und II (1968 und 1969) setzte sich Katzer erstmalig mit traditionellen Kompositionsmethoden und Modellen auseinander; es reizte ihn, das dialektische Gestaltungsprinzip ohne funktionale Tonalität, durch blockartig nebeneinander gesetzte Strukturen, Symphonie und Sonatenform miteinander verschmelzend, zu bedienen. Danach ging er noch einen Schritt weiter: Das klassische konzertante Prinzip koppelte Katzer mit avanciertem Material und legt seinem einsätzigen Konzert für Orchester (1973/74) außerdem die Sonatenhauptsatzform zugrunde. In den Mikrostrukturen arbeitet Katzer mit einzelnen Tongruppen, erstellt seine Motivik aus kleinsten Bausteinen, die er nach dem Prinzip der entwickelten Variation kontrapunktisch bearbeitet. Als übergreifendes formkonstituierendes Prinzip inspirierte ihn das „Spiel mit normierten Teilen“ bereits im Baukasten für Orchester (1972). Das Infragestellen von Regelkanons auch der Dodekaphonie führte ihn im Ballett Ein neuer Sommernachtstraum (1978/79) oder im Orchesterstück Sound-House (1978) zur Verwendung von Modi, die eine „verclusterte Chromatik aussparen“ und neue Feinheiten erzeugen.
Durch sein gesamtes Schaffen zieht sich die kompositorische Darstellung von Raum und Zeit, auch bereits im Konzert für Orchester intendiert, oder in der elektroakustischen Komposition Aide mémoire. Sieben Alpträume aus der tausendjährigen Nacht (1983). Katzers Beschäftigung mit der elektroakustischen Musik seit 1976 erweiterte seine Ausdrucksskala auch in seiner Instrumentalmusik, ablesbar beispielsweise an seinem Klavier- und Oboenkonzert (1978; 1985). Montage-, Collage- und Zitatprinzipien verwendet er in elektroakustischer wie in instrumentaler Musik gleichermaßen. Mit der Rundfunkkomposition Stimmen der toten Dichter (1979) erzielte Katzer dramaturgisch und kompositorisch eine Synthese zwischen elektronisch und traditionell fixierter Kompositionsweise. – Katzers vielseitige und ständig präsente Kompositionen bedeuteten einen wichtigen Beitrag in der 41jährigen Musikgeschichte der DDR. Nicht nur seine Instrumentalmusik, seine Vokalmusik, Ballette und insbesondere seine beiden erfolgreichen Opern Das Land Bum-Bum (Rainer Kirsch, 1973/74) und Gastmahl oder Über die Liebe (Gerhard Müller, 1987) bezogen deutlich Stellung zur gesellschaftlichen Realität in der DDR und deren notwendiger Veränderung.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik