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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Siegfried Mauser

Wilhelm Killmayer gilt im Panorama der Musik nach 1945 als einer der bedeutenden Außenseiter. Einflüsse Stravinskijs und seines Lehrers Orff (Vorlieben für rhythmisch-ostinate Klangbildungen und motorische Steigerungsverläufe) sind zwar unübersehbar, werden jedoch in einen völlig neuen Kontext gestellt: Sie sind in einer starken Eigensprachlichkeit aufgehoben, die sich nicht zuletzt in dauernder Auseinandersetzung mit der musikalischen Tradition, vor allem der des 19.Jahrhunderts (mit Schumann als auffällig konstantem Bezugspunkt) entwickelte. Die stark individualistische Klangsprache ist bereits in den Jugendwerken der 40er-Jahre spürbar, unüberhörbar dann in den Werken der 50er-Jahre, die einen ersten kompositorischen Durchbruch bedeuteten (u.a. Due Canti für Orchester, Divertissement für Orchester, Klavierkonzert in einem Satz, alle 1957).

 

Sucht man diese Werke stilistisch und kompositionstechnisch zu charakterisieren und bezieht dazu schließlich die wesentlichen, teilweise radikal ausgesparten Stücke der 60er- und frühen 70er-Jahre mit ein (u.a. 1.Symphonie Fogli, 1968; Fin al punto für Streichorchester, 1970/72; 2.Symphonie Ricordance für 14 Instrumente, 1968/69; „The Woods so wild“ – Kammermusik Nr.1, 1970; „Schumann in Endenich“ – Kammermusik Nr.2, 1972; Streichquartett, 1969; Klavierquartett, 1975; Klaviertrio Brahms-Bildnis, 1976), die als alternative Position zur Klangmechanik der seriellen Musik und ihrer Nachwirkungen gelten dürfen, scheinen Gemeinsamkeiten auffällig: Der musikalische Stillstand, das Fast-nicht-mehr-Erklingen einer artifiziell wie assoziativ zergliederten Tonsprache einerseits und das musikalische Kontinuum beharrlich ostinater Verläufe andererseits bestimmen oft die Dramaturgie der Werke. Die Zeiterfüllung einer durchgängigen Klangrede wie die Zeitentleerung im Stillstand radikaler musiksprachlicher Partikularisierung korrespondieren miteinander: Erstarren und Beharren treffen sich.

 

Hinzu kommt eine unübersehbare Tendenz zu kantabel-vokaler Klanglichkeit und einer entsprechenden Betonung des Melodischen, auch in der Instrumentalmusik. Chormusik und v.a. Lieder spielen eine zentrale Rolle, seit den 80er-Jahren in eher zunehmendem Maß (u.a. drei Zyklen Hölderlin-Lieder nach Gedichten aus der Spätzeit, sowohl als Klavier- wie Orchesterlieder, 1982/91). Des weiteren fällt eine spielerische Vorliebe zur Setzung und oft irritierenden Reihung heterogener Klangtopoi auf, die vom Repertoire traditioneller Klangtypen (in den seltensten Fällen zitiert) bis zu Strukturbildungen und Verfahrensweisen der Moderne und Avantgarde reichen: u.a. Romanzen für Violine und Klavier (1987), für Violoncello und Klavier (1989), Bagatellen für Violoncello und Klavier (1991), Fünf neue Klavierstücke (1986/88), Douce études transcendentales für Klavier (1991). Nicht selten greift Killmayer hierbei in virtuoser Manier historische Satztypen wie Impromptu, Humoreske, Choral oder Caprice auf. Losgelöst von der Folie traditioneller Topoi erscheint dieses virtuos-spielerische Moment schon früh greifbar, u.a. in den singspielartigen komischen Opern La Buffonata (1959/60) und Yolimba (1963/64), deren Libretti Tankred Dorst erstellte.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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