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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Roger Pfau

Gottfried Michael Koenig ist ein „algorithmisch“ arbeitender Komponist. Die „Regelhaftigkeit“, der sein Interesse gilt, hat jedoch nichts mit der Befolgung gegebener Kompositionsregeln zu tun, sondern gründet in der Anstrengung, sich selbst (und anderen) „auf die Schliche“ zu kommen, die Wiederholung von Problemlösungen zu erkennen und diese zu systematisieren. Dies resultiert aus der Einsicht, daß es in der kompositorischen Arbeit eines jeden Komponisten neben einmaligen auch immer wiederkehrende Entscheidungen und Verfahren gibt. So sind seine elektronischen Kompositionen aus der Zeit am WDR-Studio durch die Verknüpfung von Konzeption und Realisation gekennzeichnet. KlangfigurenI von 1955, stärker noch KlangfigurenII (1955/56) und vor allem Essay (1957/58) berücksichtigen schon in der Anlage die technischen Probleme, die sich aus der Studioarbeit ergaben und Koenig aus seiner Tätigkeit als Techniker bestens vertraut waren (z.B. minimalisiert die formale Gestaltung von Essay die Zahl der notwendigen Bandkopien). In seinen parallel dazu entstandenen Instrumentalstücken (u.a. Zwei Klavierstücke, 1957; Quintett für Holzbläser, 1958/59; Streichquartett, 1959) benutzt Koenig serielle Kompositionsverfahren, die er zur „Erfüllung von Strukturdefinitionen durch Gestaltbildungen“ (Heinz-Klaus Metzger 1989) einsetzt. In den 60er-Jahren entstanden weitere elektronische Kompositionen (TerminusI, 1962; TerminusII, 1966/ 1967; TerminusX, 1967; außerdem 1967–69 insgesamt neun Varianten der Funktionen). Vor allem in den Funktionen erweist sich die Leistungsfähigkeit des Koenigschen Verfahrens, denn sämtliche Varianten wurden aus einer einzigen Grundstruktur abgeleitet, die dann verschiedenartigen Transformationen unterworfen wurde.

 

Die Frage nach der Regelhaftigkeit der kompositorischen Tätigkeit erfuhr die Verschärfung nach ihrer Formalisierbarkeit. Koenig beantwortete diese Frage mit der Entwicklung der Programme „Projekt1“ (ab 1963) und „Projekt2“ (ab 1966), die den sie benutzenden Komponisten zwingen, sich genaue Rechenschaft über seine eigene Vorgehensweise und seine Zielsetzungen abzulegen, indem sie nur dann im Sinne des Komponisten arbeiten, wenn dieser genau diese Arbeit vorher geleistet hat. Die Programme selbst unterscheiden sich hauptsächlich in dem Ausmaß, in welchem der Komponist Einfluß auf die verwendeten Algorithmen nehmen kann. Mit „Projekt1“ entstanden Projekt1-Version1 für 14 Instrumente (1965/66) sowie Projekt1-Version3 für 9 Instrumente (1967), schließlich, nach einer Pause während der gesamten 70er-Jahre, mehrere Segmente (Segmente1–7 für Klavier, 1982; Segmente 99–105 für Violine und Klavier, 1982 u.a.), die 3ASKO Stücke für 13 Instrumente (1982), ein Streichquartett (1987) u.a.; mit „Projekt2“ wurde 1969/70 die Übung für Klavier realisiert.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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