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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Hans-Klaus Jungheinrich: Der Atem des Wanderers - Der Komponist Helmut Lachenmann

«ICH BIN FINSTER ENTSCHLOSSEN HEITER ZU SEIN»

[Foto: Armin Köhler]

Dämonisiert und heroisiert

Helmut Lachenmann

«Dämonisiert und heroisiert: Helmut Lachenmann. Dem einen ist er Held, dem anderen Buhmann.» So oder so, er gilt nach wie vor als die Symbolfigur der musikalischen Avantgarde. Komponieren heute heißt für ihn, das Wort «Musik» immer wieder neu zu buchstabieren und so immer wieder von Neuem zu beleben. Als er anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Donaueschinger Musiktage den Festgästen «Die Musik ist tot» entgegenschleuderte, zielte das auf die Idee einer erneuerten Musik, der er sich mit Haut und Haaren verpflichtet fühlt. Dazu gehört sowohl die Brechung des Vertrauten als auch die analytische Beobachtung der Dinge – der musikalischen wie der gesellschaftlichen.

Wenn Lachenmann einem jungen Komponisten, der unlängst zu ihm sagte, der Materialbegriff hinge ihm zum Halse raus, antwortet: «Mir nicht, ich habe ihn im Kopf», dann ist das ein ganz typisches Beispiel für sein musikalisches Denken. Von einigen Kritikern mit dem Etikett der «musica negativa» versehen, bewegt sich Helmut Lachenmanns Musik in den Grenzbereichen zwischen Verhaltenem und Verstummendem, zwischen Klang und Geräusch. Er hat damit ganze Scharen von Tonsetzern geprägt. Seiner Meinung nach bezieht die Kunst als eine vom Geist beherrschte Magie «ihre Würde aus ihrer erneuernden Energie». In diesem Interview spricht Lachenmann sowohl über grundsätzliche ästhetische Fragen als auch über seine Angst beim Komponieren, über die Tapetenmusiken der 1960er Jahre sowie über die jüngere Komponistengeneration.