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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Hans-Klaus Jungheinrich: Der Atem des Wanderers - Der Komponist Helmut Lachenmann

Werke

von Eberhard Hüppe

Die musikalische Poetik Lachenmanns beruht auf einem vielschichtigen Strukturkonzept. Es bezieht sich zunächst ganz allgemein auf Fragen der kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen des Komponierens und der musikalischen Erfahrung. Lachenmann geht von der These aus, daß die massenkulturelle Dynamik Kunstproduktion und Wahrnehmung zutiefst durchdrungen hat. Ein kreativer Prozeß ist unter solchen Voraussetzungen nur dann möglich, wenn in der kompositorischen Arbeit die Strukturen der Wahrnehmung erkannt, in den kompositorischen Vorgang einfließen oder gar im Werk thematisiert werden. Um die gesellschaftliche Relevanz des Komponierens in seiner Breite erfassen zu können, sollte es als eine Form kommunikativen Handelns verstanden werden, an dem das Hören aktiv beteiligt ist. Aus der akustisch-taktilen Wechselseitigkeit von Hören und Musizieren geht eine innovative kompositorische Praxis hervor. Dazu hat Lachenmann eine Reihe methodischer Verfahren entwickelt, die eher auf praktische Ziele kompositorischer Reflexion gerichtet sind und nicht den Anspruch einer geschlossenen Theoriebildung im wissenschaftlichen Sinne erheben.

 

Die Reflexion musikalischer Mittel wird zur Methodik des Komponierens: Das Wirkungsprinzip der expressiven, semantischen, psycho-physischen, der haptisch-räumlichen, energetischen, historischen und kulturellen, ja sogar das der institutionellen Eigenschaften des musikalischen Materials – seine Aura – wird strukturell, d.h. nach musikalisch-technischen Komponenten, Kategorien und Äquivalenten aufgeschlüsselt. Es geht also um einen hochkomplexen Begriff des musikalischen Materials, den Lachenmann (1976a) als „ästhetischen Apparat“ näher bestimmt hat. Er wird vom Komponisten abgetastet und prismatisiert: als ein perspektivisches Abschreiten musikalischer Erfahrungsbereiche bis hin zu den energetischen Klangprozessen einer Musique concrète instrumentale.

 

Lachenmann verdichtet Klangphänomene und „Klangfamilien“ zu einer „Polyphonie von Anordnungen“ (Lachenmann 1966). In Air. Musik für großes Orchester mit Schlagzeug-Solo (1968/69; rev.1994) wird dieses Verfahren erstmals exemplarisch durchgeführt. Werke wie Accanto. Musik für einen Solo-Klarinettisten mit Orchester (1975/76) präparieren einen Wahrnehmungskonflikt heraus, indem traditionelle ästhetische Kategorien gegen den Strich „erfüllt“ werden. Als logische Konsequenz aktualisierte Lachenmann die Kategorie des Schönen, um die Position der Avantgarde ästhetisch zu befragen. Seit Salut für Caudwell. Musik für zwei Gitarristen (1977) erhalten tonale und musikantische Elemente zunächst mehr Gewicht.

 

Lachenmanns Thematisierung der Wahrnehmung kulminiert in der Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Musik mit Bildern (1990/1996; rev. 1999): ästhetisch in der sinnlichen wie strukturellen Herausforderung des Hörens, die sich konzeptionell im Bild-Ton-Verhältnis fortsetzt; ethisch in der Frage von Gerechtigkeit und Erkenntnis. In den Nachfolgewerken – darunter NUN. Musik für Flöte, Posaune und Orchester (1997/99; rev. 2002) – kündigt sich eine Neugewichtung der Beziehung von Klangsituation und -prozeß an.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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