Erlebte Geschichte - Home

Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Ulrich Dibelius: György Ligeti - Eine Monographie in Essays

Biogramm

von Dirk Wieschollek

György (Sándor) Ligeti, geboren am 28. Mai 1923 in Diciosânmartin [ungar.: Dicsőszentmárton, heute: Târnăveni], wuchs als Sohn jüdischer Ungarn im rumänischen Siebenbürgen auf. Die Mutter war Augenärztin, der Vater arbeitete als Bankangestellter, sympathisierte jedoch mit den Ideen des Marxismus und hegte naturwissenschaftliche Neigungen. Mit akribischer Genauigkeit arbeitete schon der Fünfjährige an der Ausformulierung eines Phantasiereiches namens „Kylwiria“, entwarf Landkarten, Stadtpläne, die Grammatik einer imaginären Sprache. 1929 übersiedelte die Familie nach Cluj [ungar.: Kolozsvár, dt.: Klausenburg], das 1940 an Ungarn fiel, was Ligeti erste Konzert- und Opernbesuche ermöglichte. Ab 1936 erhielt Ligeti privaten Klavierunterricht; um an Konzerten des städtischen Laienorchesters teilnehmen zu können, erlernte er das Paukenspiel und nahm 1940 an einer Aufführung von Beethovens Violinkonzert teil. Ligetis parallel zur Musik verlaufende Begeisterung für die Naturwissenschaften führte nach dem Abitur (1941) zunächst zu dem Wunsch Physik zu studieren, was jedoch an Zulassungsbeschränkungen für jüdische Studenten scheiterte. Stattdessen begann er am heimischen Konservatorium ein Musikstudium (Orgel, Violoncello, Komposition bei Ferenc Farkas) und trieb private Kompositionstudien bei Pál Kadosa in Budapest. 1944 wurde Ligeti von der ungarischen Armee zum Arbeitsdienst eingezogen und entging in den Kriegswirren einige Male nur knapp dem Tod; Vater und Bruder kamen in den Konzentrationslagern von Bergen-Belsen und Mauthausen ums Leben, die Mutter überlebte Auschwitz.

 

Nach dem Krieg studierte Ligeti Komposition bei Sándor Veress, Pál Járdányi und Ferenc Farkas an der Budapester Musikhochschule (1945-49), ergänzt durch Analysekurse bei Lajos Bárdos, und wurde dort 1950 Lehrer für Kontrapunkt, Harmonie- und Formenlehre. Angesichts zunehmender Repressalien im kommunistischen Ungarn floh Ligeti nach der Zerschlagung des ungarischen Aufstands im Dez. 1956 zunächst nach Wien. Aufgrund von Briefkontakten zu Karl-Heinz Stockhausen und Herbert Eimert kam er als freier Mitarbeiter an das elektronische Studio des WDR Köln, wo er als Assistent von Gottfried Michael Koenig erste Erfahrungen im elektronischen tformatMetier sammelte (1957-58). Damit fand er Zugang zum Darmstädter Avantgarde-Kreis um Stockhausen, Boulez, Nono, Maderna, Kagel etc., analysierte in eigenen Schriften die Probleme des Serialismus, verfasste Rundfunkbeiträge (insbesondere über Webern), wurde selbst Dozent der Darmstädter Ferienkurse (1959-72) und mit aufsehenerregenden Uraufführungen (Apparitions, 1958/59; Atmosphères, 1961) zum vielbeachteten Komponisten. Im Lauf der 1960er-Jahre gab Ligeti zahlreiche Kompositionskurse in ganz Europa. 1969-70 war er Stipendiat des DAAD in Berlin, 1972 Composer-in-residence an der Stanford University in Kalifornien. 1973 erhielt Ligeti eine Professur für Komposition an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst, Hamburg, an der er 1989 emeritiert wurde. Gewürdigt mit einer kaum mehr aufzählbaren Menge von Ehrungen und Preisen starb Ligeti in Wien am 12. Juni 2006.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik