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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

VON DER EINSAMKEIT DER VÄTER

[Foto: Armin Köhler]

oder: Vom ortlosen Suchen im Niemandsland

Younghi Pagh-Paan

Angesichts der Tatsache, dass noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts auch und gerade in Asien das Komponieren eine Männerdomäne war, überrascht es schon, dass mit Younghi Pagh-Paan eine Komponistin aus Asien in dieser Sendereihe vertreten ist. Ihrer Stärke, ihrer Durchsetzungskraft, Energie und ihrer Vorbildwirkung ist es zu verdanken, dass der Anteil komponierender Frauen in den letzten fünfzig Jahren gewaltig gewachsen ist.

Die Wurzeln des Musikdenkens von Younghi Pagh-Paan liegen in Südkorea, wo sie 1945 geboren wurde: in der koreanischen Volksmusik, ihren Liedern und ihren schamanistischen Alltagsritualen, vor allem aber im Pansori, dem epischen volkstümlichen Gesang, bei dem ein Darsteller oder eine Darstellerin, wechselnd zwischen Rezitation und Ausdrucksgesang und nur von einem Trommelspieler begleitet, die Zuschauer stundenlang fasziniert. Auch ihr aktuelles Schaffen ist auf diese Quellen zurückzuführen. Die Erfahrungen, die sie ab 1974 in Deutschland in ihrem Studium in Freiburg sammeln konnte, erweiterten zwar ihren Horizont nachhaltig, brachten neue Anregungen, vermittelten vor allem ein grundlegendes handwerkliches Rüstzeug, hatten aber nur peripher Einfluss auf die Haltung der Künstlerin, die in Bremen und in Panicale in Italien ihre Lebenszentren hat. Das Etikett, das ihr mittlerweile anhaftet, sie sei eine Vermittlerin zwischen zwei Welten – der östlichen und der westlichen –, darf mithin durchaus kritisch hinterfragt werden. Gerade deshalb aber bewegt eine Frage all jene, die die Lebenserfahrung des permanenten In-der-Fremde-Seins nicht machen konnten: Welcher Kultur fühlt sich Younghi Pagh-Paan verpflichtet und wohin gehört sie?