Manzoni eignete sich herrschende Auffassungen des Serialismus nicht unkritisch an, lernte vielmehr am Beispiel der Außenseiter Maderna und Nono, deren Modelle von ihm in einigen Punkten übernommen wurden (z.B. das die Reihe ersetzende Lied-Material in Cinque Vicariote, 1958); darauf aufbauend, entwickelte er eigene Strategien. Die rationalen Grundlagen der serialistischen Technik sollten mit emotionalen Momenten einer historisch-kulturellen und individuellen Identität verknüpft werden, da sie erst in solcher Vereinbarung der menschlichen Wirklichkeit Rechnung trügen. Das serielle Element war nebensächlich; den Komponisten interessierten die neuen Möglichkeiten der Mikrostrukturierung, die jedoch hinter der expressiven Phänomenologie des kompositorischen Endergebnisses zurücktraten.
Nach der Erkundung horizontaler Mikrostrukturen widmete sich Manzoni der makrostrukturellen Klangarchitektonik und erschloß (nach dem Vorbild von Varèse) vertikale Klangstrukturen bzw. Strukturklänge als Baumaterial. Seine besondere Aufmerksamkeit galt der musikalischen, phonetisch-klanglichen Wertigkeit der Wortsprache sowie dem erweiterten Klangreservoir des einzelnen (vor allem Holzblas-)Instruments, das nun, durch neue Spieltechniken, Mehrklänge u.a. hervorbringen konnte. In chorsymphonischen und orchestralen Werken der 70er-Jahre gelang es Manzoni, diese Experimente in großer Form zu integrieren, z.B. in den Chorsätzen von Parole da Beckett (1970/71) und Hölderlin (frammento) 1972, in den Orchestersätzen von Masse: Omaggio a Edgard Varèse (1976/77) und Modulor (1978/79), vor allem aber in den „musikalischen Szenen“ Per Massimiliano Robespierre (Montage historischer Texte, 1974). Manzonis Hauptwerke sind seine Kompositionen für das Musiktheater, das der Wechselwirkung zwischen musikalischer Autonomie und engagierter Haltung weitgehend zu entsprechen scheint: La Sentenza (Emilio Jona, 1959/60) stellt die kommunikative Fähigkeit quasi-serieller Klangmittel in „volksnaher“ Opernform zur Probe. Atomtod (Jona, 1964) repräsentiert mit seiner Collage- und Zitattechnik den Realismus und die Öffnung ästhetischer Systeme in den 60er-Jahren. Per Massimiliano Robespierre und Doktor Faustus (nach Th. Mann, 1985/88) stellen Höhepunkte im Schaffen Manzonis dar. In der dramaturgischen Form szenischer Bildfolgen, als musikalisches Situationstheater, werden (Grenz-)Situationen der menschlichen Existenz zur Darstellung gebracht.
In den 80er-Jahren arbeitete Manzoni an einem neuen Gleichgewicht vertikaler und horizontaler Strukturen, wobei bestimmte Intervallkonstellationen in beiden Dimensionen zur Geltung kamen, etwa in Doktor Faustus sowie der „Vorstudie“ Scene sinfoniche per il Doktor Faustus (1984). Struktur, einst als Parameter-Organisation verstanden, ist nun ein Schmelztiegel, in dem Klangmaterialien und Tonorganisationen unterschiedlichster Herkunft (auch tonale Skalen) amalgamiert werden. Die personalstilistische Entwicklung läuft auf den Versuch einer historischen Synthese hinaus.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik