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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Reinhard Schulz

Mehr als bei anderen Komponisten seiner Generation läßt sich bei Penderecki ein Bruch in seiner schöpferischen Entwicklung wahrnehmen, der sich als Schritt zurück in romantische Attitüde, in Strukturen aus Pathos und schlichter Empfindung erweist. In der Tat ist dieser auszumachen, wenn das Hauptaugenmerk allein auf die materiale Basis der Kompositionen gerichtet wird. Den Durchbruch erzielte Penderecki mit Arbeiten, die auf massierte Wirkung von Klang abzielten, die die orchestralen Farben, die Spieltechniken in extreme Richtungen ausweiteten und deren Dimensionen erweiterten. Vornehmlich arbeitete Penderecki in den 60er-Jahren mit Clustertechniken, mit massiv geräuschhaften Tonballungen und klaren wie wuchtigen Konturen. Standen zunächst der „befreite Klang“, die Experimente mit seiner Hervorbringung im Mittelpunkt – schon in den Titeln wird dies angesprochen: Anaklasis (1960); Polymorphia (1961); Flourescenses (1962); De natura sonoris I (1966) und II (1970/71); daneben auch in den virtuosen Capricci für Violine und Orchester (1967) und für Violoncello solo (1968) sowie im 2.Streichquartett (1968) –, so trat schon bald eine emotionale Konkretisierung hinzu.

 

Der Threnos für die Opfer von Hiroshima für 52 Solostreicher (1961) trug ursprünglich noch die einfache Dauernbezeichnung 8′37″, die der Dauer des Atombombenabwurfs entspricht. Später dann nutzte Penderecki direkt die emotionale Schicht seiner Klangsprache – so in der Lukas-Passion (1963/65), deren biblischer Leidensbericht die geballte Expressivität, die Drastik der Mittel evozierte. Hieran bildete sich Pendereckis Personalstil aus. Konsequent wurde er in Arbeiten wie dem Dies irae (zum Gedenken an die Ermordeten in Auschwitz, 1967) oder seiner ersten Oper Die Teufel von Loudun (nach Aldous Huxley, 1969) fortentwickelt; schon bald aber gewann der Wunsch nach größerer Verinnerlichung und Abklärung immer mehr an Einfluß im Schaffen Pendereckis.

 

Was für viele wie eine Aufgabe von radikalen Positionen wirkte, war freilich kaum anderes, als die Plakativität der Mittel mit ihren spürbaren Abnutzungserscheinungen zu ersetzen durch einfache, für sich sprechende Linien. Versucht wurde eine erneute Annäherung an Melodie, wie sie seit der Gregorianik für das Abendland bestimmend war. Unisonopartien ersetzen von nun an die Cluster; freilich suchen sie zudem Versöhnung, nicht Konfrontation. In dieser Entwicklung stehen die 1.Symphonie (1972/1973), entschiedener noch die 2.Symphonie (1979/80), die mit dem Zitat von „Stille Nacht“ den Beinamen „Weihnachtssymphonie“ erhielt, das Violin- und das 2.Violoncellokonzert (1976/77; 1982), die Oper Paradise lost (nach Milton, 1978), das dem Papst Johannes Paul II. gewidmete Te Deum (1980) und v.a. das großdimensionierte Polnische Requiem (1980/84). Dieser zu Verinnerlichung und dem Ausdruck von Leiden tendierende Ton wurde in den folgenden Jahren wieder durch groteskere, zitatbetonte Momente aufgebrochen. Hierfür stehen die Opern Die schwarze Maske (nach Gerhart Hauptmann, 1985/86) und schließlich die sarkastische Opera buffa Ubu Rex (nach Alfred Jarry, 1991).


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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