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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

DAS WEBERN’SCHE MODELL ALS KOSMOLOGIE

[Foto: SWR/Patrice Voisin]

oder: Vom wirklich Neuen, das niemals ganz neu ist

Henri Pousseur

Er gehörte zum engsten Zirkel jener Gruppe Komponisten, die mit dem Etikett «Serialisten» versehen wurden. Henri Pousseur stand zwar nicht in der ersten Reihe dieser Gruppe, sein scharfer analytischer Verstand und sein pointiertes Formulierungsvermögen ließen ihn aber zu einem wichtigen Vordenker des seriellen Prinzips werden. Unter dem Terminus «allgemeine Periodik» entwickelte er aus den physikalischen und akustischen Erkenntnissen der elektronischen Musik einen umfassenden Entwurf einer allgemeinen musikalischen Theorie, die sich vom engen seriellen Korsett verabschiedete und fortan Begriffe wie Welle, Amplitude, Modulation und Intermodulation zur Beschreibung musikalischer Struktur- und Formverläufe heranzog. Mit seinem Traktat Die Apotheose Rameaus aus dem Jahre 1968, in dem er eine spezielle «Netztechnik» zur Darstellung bringt, kam es endgültig zum Bruch mit dem Darmstädter Kreis. Der zentrale Wendepunkt im Œuvre Henri Pousseurs lag in seiner mit Michel Butor erarbeiteten Oper Votre Faust – Euer Faust. Hier hat er bereits 1961 sehr individuelle Verfahren gefunden, das historische Zitat in seine Musik einfließen zu lassen – in einer Weise, die sich nicht mit Begriffen wie Montage oder Collage fassen lässt. In diesem Interview spricht er über elementare musikalische Modelle, die als Spiegel der Gesellschaft zu verstehen sind. Auch ganz persönliche Erlebnisse aus Darmstädter «Gründerzeiten» kommen zur Sprache.