Henri Pousseur, geboren am 23.Juni 1929 in Malmédy/Belgien. Hier verlebte er seine Kindheit und Jugend und kam schon früh mit der deutschen Nachbarkultur in Berührung: Während der Besatzung führte ein deutscher Musiklehrer ihn an die Musik der Renaissance, der Klassik, der Romantik und sogar ein wenig an Schönberg heran. Nach Kriegsende legte er sein Abitur ab und besuchte 1947–51 die Musikhochschule in Liège [Lüttich]. Dort schloß er sich sogleich dem Kreis der jungen Dodekaphonisten um Pierre Froidebise an, der ihm Webern, die außereuropäische Musik und die zeitgenössische Kunst näherbrachte. Er arrangierte auch, im Juni 1951 in Royaumont, Pousseurs erste Begegnung mit Pierre Boulez: Dieses Treffen hatte für Pousseur entscheidende Auswirkungen auf seinen Werdegang als Komponist, denn von nun an verschrieb er sich ganz der „integralen Musik“ und wurde zu einem der zentralen Repräsentanten der seriellen Schule. Während seines Militärdienstes (1952–53) unterhielt Pousseur eine intensive Beziehung zu André Souris und knüpfte auch die ersten Kontakte zu Karlheinz Stockhausen.
1954 heiratete er Thea Schoonbrood; aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Damals unterrichtete Pousseur an einem Gymnasium in Eupen, besuchte die Ferienkurse in Darmstadt, wo er ab 1957 auch dozierte, und erhielt erste Kompositionsaufträge: Seismogramme (1954; Studio für elektronische Musik des WDR Köln) und das Quintette à la mémoire d'Anton Webern (1955; SWF, für Donaueschingen). 1957 wurde Pousseur von Luciano Berio, den er 1956 in Darmstadt kennengelernt hatte, ins Studio di fonologia musicale nach Mailand eingeladen, um dort Scambi zu komponieren; und 1958 gründete er selbst in Brüssel das Studio für elektronische Musik APELAC.
1960 begann seine enge Zusammenarbeit mit dem französischen Schriftsteller Michel Butor, die bis heute andauert. Parallel zur Komposition von Votre Faust, dem ersten Kind dieser gemeinsamen Reflexion, lehrte Pousseur weiterhin in Darmstadt, aber auch bei den Kölner Kursen für Neue Musik, an der Musikakademie Basel und am Institut de sociologie der Universität Brüssel, bis er 1966 ein erstes Semester in Buffalo/New York verbrachte.
Wiederholt kehrte er in den nächsten Jahren in die USA zurück, bevor er sich 1970 endgültig in Liège [Lüttich] niederließ; neben seiner Tätigkeit als Dozent an der Universität unterrichtete er an der dortigen Musikhochschule zunächst Komposition. Im Rahmen des Centre de Recherches et de Formation Musicales de Wallonie (CRFMW), das auch das von Brüssel nach Liège umgezogene Studio einschließt, entwickelte Pousseur seit den frühen 70er-Jahren ein breit angelegtes pädagogisches Projekt (welches 1975, mit seiner Berufung zum Direktor der Lütticher Musikhochschule, einen ersten Höhepunkt erfuhr; 1981 wurde ihm von der Universität Metz die Ehrendoktorwürde verliehen). In diesem Sinn widmete er sich in den nächsten mehr als zehn Jahren besonders den „Lernbegierigen“, seien es interessierte Laien oder Studenten. 1985–87 war er hauptsächlich am Institut de pédagogie musicale in Paris tätig, wo er den Weg für die Reform des Musikunterrichts in Frankreich ebnete.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik