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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Pascal Decroupet 

Bereits in den frühesten Arbeiten versuchte Pousseur, sich an die Klangwelt Weberns heranzutasten; jedoch gelang ihm diese Anverwandlung erst in den Trois chants sacrés (1951), die er nach seiner Begegnung mit Boulez komponierte. Zur Zeit seiner ersten elektronischen Komposition – Seismogramme (1954) entstand kurz nach den beiden „Studien“ von Stockhausen – erarbeitete Pousseur in den Symphonies à quinze solistes (1954/55) und dem Quintette (1955) die Grundlagen für eine ihm eigene Gruppentechnik. Seriell bestimmt wurden nur noch „Rahmenbereiche“, z.B. die horizontale und vertikale Dichte oder die Dynamik, während die harmonische Dimension, außerhalb jeder Materialautomatik, durchgehört wurde. Diese gehörten Strukturen resultierten aus einem intensiven Studium der Musik Weberns, sowohl der Früh- wie auch der Spätwerke, aus dem Pousseur zwei Schlußfolgerungen zog, die in seinem Gesamtschaffen verschieden lange Auswirkungen hatten: erstens die „organische Chromatik“ der Musik Weberns (in: die Reihe II, Wien 1956) und zweitens die „natürliche“ Tendenz der Intervalle. In den Werken bis ca.1961 – Exercises (1955/57), Mobile (1957/1958), Répons (1960), in denen er auch verschiedene Möglichkeiten der Aleatorik erprobte – blieb die Chromatik ein verbindlicher Faktor. Dieser sollte erlauben, die „einfachen“ Intervalle (d.h. Intervalle mit einem starken harmonischen Gefälle) in ein „multipolares“ Satzgefüge einzubinden.

 

Um über diese Beschränkung hinauszugehen, erweiterte Pousseur für Votre Faust (1960/68) und Couleurs croisées (1967) sein harmonisches Denken entschieden und entwickelte ein von der Konsonanz bis zum Geräusch sich erstreckendes, gleichsam um Webern gravitierendes System, eine universelle harmonische Matrix, die für sein weiteres Schaffen bestimmend blieb. In Die Erprobung des Petrus Hebraicus (1973/74), den Iles déchaînées (1980) und der Rose des voix (1982) vollzog sich ein allmählicher Wiedergewinnungsprozeß all dessen, was in früheren Jahren verpönt war: stilistische Anklänge, Jazz und Volksmusiktraditionen. Aus verschiedenen seiner groß angelegten Werke löste Pousseur Teile heraus und bearbeitete sie in Arrangements für verschiedene Besetzungen weiter. Andererseits verschmolz er des öfteren mehrere kürzere Werke zu einem neuen Ganzen: So entstanden einige der besten Kompositionen Pousseurs aus den letzten Jahren: die Seconde apothéose de Rameau (1981) und das Streichquartett mit Gesangsstimme Mnémosyne doublement obstinée (1988).

 

Auch war Pousseur immer wieder im Bereich der elektronischen Musik aktiv, sei es in Form von elektronischen Teilen zu instrumentaler oder szenischer Musik – z.B. Rimes (1958/59) –, oder in Form von reiner Tonbandmusik: Trois visages de Liège (1961), Système des paraboles (1972), Liège à Paris (1977). Dieses Schaffen wurde in all seinen Stadien von einer essayistischen Tätigkeit begleitet, die sowohl ästhetischer als auch pädagogischer Natur ist.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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