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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Biogramm

von Hans Rudolf Zeller

Josef Anton Riedl, geboren am 11. Juni 1929 (?) in München und in Murnau aufgewachsen, hat sein genaues Geburtsjahr nie erfahren. Da sich seine jüdische Mutter, obwohl getauft, zur Emigration gezwungen sah, wurde sein Geburtsjahr (wie das seines jüngeren Bruders) wahrscheinlich um zwei Jahre vorverlegt, um beide vor staatlichem Zugriff bewahren zu können. 1937–44 war Riedl in mehreren von Benediktinern geleiteten, dann aber zwangsweise geschlossenen Internaten untergebracht. Darauf folgte eine Odyssee durch verschiedene Lager, die ihn bis nach Südfrankreich und Algerien führte, von wo aus er erst 1947 nach Murnau zurückkehrte. – Als Sohn eines Architekten und engen Mitarbeiters von Emanuel von Seidl schwankte Riedl, der schon früh mit Klavier- und Orgelimprovisationen auf seine musikalische Begabung aufmerksam gemacht hatte, zunächst zwischen Architektur und Tropenmedizin, entschied sich aber dann doch für die Musik. Folgenreicher als das Studium an der Münchner Musikhochschule waren die Werke von Orff, in denen das Schlagzeug dominierte, mehr noch Edgard Varèses „Ionisation“ und später die Kurse bei Hermann Scherchen in Gravesano. Mehr als jeder andere Komponist seiner Generation konzentrierte sich Riedl seitdem auf das bis dahin noch ziemlich vernachlässigte Instrumentarium des Schlagzeugs. Gleichzeitig bemühte er sich um unkonventionelle Formen der Vermittlung neuer Musik und gründete bereits 1950 zusammen mit Freunden die Deutsche Sektion der Jeunesses Musicales.

 

Nachdem Riedl 1951 und in den folgenden drei Jahren in Aix-en-Provence die ersten Stücke der Musique concrète gehört und Kontakt mit Pierre Schaeffer aufgenommen hatte, arbeitete er kompromißlos an Kompositionen und Projekten abseits aller herkömmlichen Gattungen und Besetzungen. Seit 1952 entstand in zunächst von ihm selbst eingerichteten Behelfsstudios eine Reihe von Studien für konkrete und elektronische Klänge, in denen Riedl als einziger Komponist in der BRD bereits jene Erweiterung des Materials der elektronischen Musik vorwegnahm, die erst in den 60er-Jahren aktuell wurde. 1959 wurde er musika„lischer Leiter des in München auch auf Empfehlung von Orff gegründeten Siemens-Studios für elektronische Musik, das bis 1966 bestand. 1960 hatte Riedl die heute noch existierende Veranstaltungsreihe „Neue Musik München/Klang-Aktionen“ inauguriert, die neben der Präsentation des internationalen Spektrums experimenteller Musik auch zahlreiche Uraufführungen bzw. Erstveröffentlichungen neuer Stücke und Texte von Kagel, Nicolaus A. Huber, Schnebel, Cage u.a. ermöglichte. In Bonn, wo Riedl 1973–83 das „Kultur Forum“ und bis 1987 die Bonner „Tage Neuer Musik“ leitete, konnte er im Rahmen großange„legter Retrospektiven auch die theoretischen und historischen Aspekte bedeutender Œuvres dokumentieren, so in Ausstellungen – 1974 über Iannis Xenakis – sowie in Workshops und Diskussionsforen, u.a. 1979 in „Neue Musik aus Frankreich“ und 1981 in „Musik der anderen (mikrotonalen) Tradition“. Wie kein anderer Komponist übernahm Riedl also von Anfang an auch die Funktionen des Initiators und Vermittlers, durch die er sich angesichts einer experimentell, zumal im Kontext der akustischen und optischen Medien entstehenden Musik ebenso konsequent definiert wie in seinen Stücken.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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