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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Ulrich Mosch (Hrsg.)
Wolfgang Rihm: ausgesprochen

ICH BIN FUSSGÄNGER

[Foto: Armin Köhler]

oder: Wie man sich aus Sackgassen befreit

Wolfgang Rihm

«‹Sackgasse› ist ein Begriff, den Leute benutzen, die sich zu früh motorisiert haben und gern im Auto auf breiten Straßen dahin fahren, die gern den Durchfahreffekt auf einer geteerten und beschilderten Straße genießen. Ich bin Fußgänger, ich komme auch aus einer Sackgasse heraus. Da finden sich immer Garten- und Nebenwege – dann bin ich wieder auf dem Hauptplatz.», so Wolfgang Rihm auf die Frage, ob denn die serielle Kompositionsmethode eine Sackgasse gewesen sei. Auf dem Hauptplatz des Musiklebens steht er gewiss, als einer der bedeutendsten deutschen Komponisten. Seine Stimme hat Gewicht.

Das Gespräch mit Rihm offenbart einmal mehr, auf welch ungeahnten und ungewöhnlichen Wegen er sich als Komponist «gefunden» hat – immer sich auch dem Anderen, dem vermeintlich Fremden, etwa dem Denken eines John Cage, das dem seinen so fern ist, aussetzend. Aus Cage’ Erfahrung, dass jedwedes Einzelereignis musikalisch erfahrbar ist, zog er wichtige Impulse für seine Individuation. Denn diese Erfahrung, so Wolfgang Rihm, «setzt den Komponisten in die extremste Situation, die nur denkbar ist, setzt ihn der Situation seiner Wahl in seinem Werk aus. Es kommt von nun an darauf an, wer wählt was, wann, wie aus. Niemand kann sich nach dieser Erfahrung mehr rückversichern bei irgendeiner Systemvorgabe, die ihn in irgendeiner Weise oder Form entschuldigt. Niemand kann mehr sagen, es klingt so, weil das System es so wollte. Alles Systemkomponieren ist letztendlich ein frommer Betrug.»