Frederic Anthony Rzewski, geboren am 13.April 1938 in Westfield/Mass. Er studierte Musik und Komposition u.a. bei Virgil Thompson (Kontrapunkt) und Walter Piston (Orchestration) an der Harvard University (Bachelor of Arts 1958) sowie bei Roger Sessions und Milton Babbitt an der Princeton University, wo er auch Kurse in Philosophie und Griechisch belegte (Master of Fine Arts 1960). Ein Fulbright-Stipendium ermöglichte ihm 1960/61 einen Studienaufenthalt bei Luigi Dallapiccola in Florenz.
In den 60er-Jahren unterrichtete Rzewski mehrfach als Pianist bei den „Kölner Kursen für Neue Musik“ (1963, 1964 und 1970) und spielte u.a. die Erstaufführungen von Karlheinz Stockhausens „Klavierstück X“ (1962, auch Platteneinspielung) und „Plus Minus“ (1964). 1963–65 studierte er mit einem Stipendium der Ford Foundation bei Elliott Carter in Berlin.
Das zusammen mit Alvin Curran und Richard Teitelbaum 1966 in Rom gegründete Live-Elektronik-Ensemble „Musica Elettronica Viva“ führte ihn mit politisch engagierten Kollegen und mit Jazzmusikern zusammen. Mit diesem Ensemble, auf das er einen starken Einfluß haben sollte, aber auch mit verschiedenen Besetzungen hat Rzewski unterschiedliche Improvisationskonzepte erprobt, mehrfach aufgeführt und auch auf Platte eingespielt. Einflüsse aus dieser Zeit lassen auch jüngere Kompositionen Rzewskis erkennen, so das 1990 für das kalifornische „E.A.R. Ensemble“ geschriebene Aerial Tarts [Luft-Torte] für 2 Bläser, 2 Streicher, 2 Schlagzeuger und einen Keyboarder, von denen fünf außerdem sprechen und singen.
Um 1970 begann Rzewski, mit politisch orientierten Jazzmusikern wie Anthony Braxton und Steve Lacy zu musizieren und spielte daneben u.a. auch im „Philip Glass-Ensemble“. 1971–76 kehrte er nach New York zurück. In dieser Zeit entstanden einige politisch engagierte Stücke, so 1972 Attica über den Brief eines Häftlings aus dem gleichnamigen Staatsgefängnis von New York. Unter mehreren Variationenwerken über populäre Themen, entstanden aus einem Bemühen um musikalische Kommunikation mit dem Auditorium, ist wohl am bekanntesten der großangelegte Klavierzyklus von 36 Variationen über das revolutionäre chilenische Volkslied El Pueblo Unido Jamás Será Vencido [Das vereinte Volk wird niemals besiegt], international bekanntes Symbol für den Geist des gestürzten Allende-Regimes und für antiimperialistischen Widerstand. Rzewski schrieb dieses Variationenwerk mit 1185 Takten innerhalb weniger Wochen im Herbst 1975, zwei Jahre nach Beginn der Militärdiktatur unter Pinochet in Chile.
Als Pianist und Dirigent hat Rzewski neben eigenen Stücken auch Werke von Boulez, Eisler und anderen aufgenommen. Seit 1976 lebt er überwiegend in Rom und unterrichtet ab 1977 am Conservatoire Royale in Liège [Lüttich] eine Meisterklasse für Komposition. 1984 war er Gastprofessor für Komposition an der Yale University; Kompositionsaufträge erhielt er 1974 von der „Merce Cunningham Dance Company“ sowie 1977 und 1979 vom National Endowment for the Arts.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik