Zusammen mit David Del Tredici und George Rochberg gehört Rzewski zu denen, die sich – jeder mit persönlicher Blickrichtung und individueller Weiterentwicklung – in den 60er-Jahren von der seriellen Musiksprache der Vätergeneration abwandten. Rzewski glaubte nicht mehr, „daß fortschrittlichste Musik eine Art universelle Gültigkeit hat“ und plädierte für ein „realistisches Komponieren“ im „Bewußtsein einer aktiven Beziehung zwischen der Musik und dem Rest der Welt“ und für die „bewußte Anwendung von Techniken, die mehr dazu dienen, Kommunikation herzustellen, als ein Publikum zu entfremden“ (Rzewski, in: Walter Zimmermann 1981).
Für das 1966 in Rom gegründete Ensemble „Musica Elettronica Viva“ entstanden einige Improvisationskonzepte, um gruppendynamische Entfesselungsprozesse auszulösen (z.B. Les moutons de Panurge [Die Schafe des Schäfers Panurge], 1969). In einer dokumentierten Version von 1983 ist das Konzept Second Structure (1971) erhalten, ein abstrakter Plan für eine Improvisation von ca.20 Minuten Länge für beliebige Besetzung bis zu sechs Musikern: eine in sechs Abschnitte gegliederte Improvisationsanweisung, deren explizites Ziel die „Befreiung der Phantasie“ ist.
In seinen politisch engagierten Stücken wie Coming Together und Attica, beide 1972 für Sprecher, tiefe Instrumente und Instrumentalensemble geschrieben, greift Rzewski in einer stark emotional gefärbten Musiksprache Elemente von Jazz und Folk-Musik auf. In seinem Bemühen um „Kommunikation mit dem Publikum“ komponierte Rzewski in den folgenden Jahren eine Reihe von Variationenwerken über populäre Themen, darunter als bekannteste den knapp fünfzigminütigen Variationenzyklus über das populäre chilenische Lied El Pueblo Unido Jamás Será Vencido [Das vereinte Volk wird niemals besiegt] (1975). Einige Kritiker verglichen diesen Zyklus mit den Klaviervariationen von Brahms, ziehen (oder priesen) Rzewski der Rückkehr zu „neuem Romantizismus“ und machten daran das Dilemma des politisch orientierten Komponisten fest (so John Rockwell 1983). Doch läßt sich nachweisen, daß Rzewski eine eigenständige Synthese von tonaler und atonaler Musiksprache sowie Jazz-Idiomatik geschaffen hat, die ihresgleichen sucht (Robert Wason 1988).
Nachdem Rzewski Mitte der 60er-Jahre in Ost-Berlin seine elektronische Tonband-Komposition Zoologischer Garten (1965) ausgearbeitet hatte, schrieb er 1982 in Kontakt mit Musikern und Komponisten der damaligen DDR die Antigone-Legende für Sopran und Klavier nach dem Text von Bert Brecht. In seinem ersten Musiktheaterstück Les Perses [Die Perser] (1985) für 4 Sänger, 5 Schauspieler und 6 Instrumentalisten über ein eigenes Libretto nach Aischylos sind Elemente der seriellen und minimalistischen Musiksprache mit Improvisatorischem im Dienst einer dramatischen Musikalisierung des Aischylos-Stoffes als Anti-Kriegsstück verbunden.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik