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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Gisela Nauck: Dieter Schnebel - Lesegänge durch Leben und Werk

DAS UNBEKANNTE IN DER KUNST

[Foto: Armin Köhler]

oder: Vom Dienst am Menschen

Dieter Schnebel

Er ist wohl unter den Musikern einer der letzten Universalisten: der Komponist, Theologe, Theoretiker und Pädagoge Dieter Schnebel. Ein Hang zur Integration von Disparatem bis hin zu imaginärer Totalität durchzieht daher wohl auch sein kompositorisches Denken bis heute. Schnebel ist der Pionier neuer Vokalmusik, weil er sich intensiver als jeder andere Klangforscher mit den Wurzeln der Erzeugung von Sprachvorgängen beschäftigt hat. Im Zentrum stehen bei ihm Organbewegungen: ein Ansatz, der ihn später zu seiner Musik als Körpersprache und zur psychoanalytischen Musik führte. In diesem Interview beschreibt er, wie und wann er aus den geläufigen Grenzen des europäischen Musikbegriffs ausbrach, wie Intermediales immer auch zum Gegenstand seiner künstlerischen Auseinandersetzung wurde.

Angeregt durch John Cage hat Schnebel die Ideenvielfalt konzeptionellen Musikdenkens ins Bewusstsein gerückt: Musik zum Lesen, Denkbare Musik und Visible Music sind die Werkgruppen, die diesem Denken geschuldet sind. Sie zielen auf ein demokratisches Musikverständnis und die Befreiung des entmündigten Hörers. Dieter Schnebel erzählt in dieser Sendung sehr anschaulich Anekdoten von den Darmstädter Ferienkursen, den Fluxusaktionen in Wiesbaden oder aus seiner Jugendzeit in Lahr und Villingen im Schwarzwald. Aber auch solch pittoreske Details wie die Verehrung Albert Schweitzers, die er mit Edgard Varèse teilt, kommen zur Sprache.