Erlebte Geschichte - Home

Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Gisela Nauck: Dieter Schnebel - Lesegänge durch Leben und Werk

Biogramm

von Michael Hirsch

Dieter Schnebel, geboren am 14.März 1930 im badischen Lahr, machte während seiner Gymnasialzeit erste kompositorische Versuche, die noch ganz von der klassisch-romantischen Musiktradition geprägt waren. Nach dem Abitur 1949 begann Schnebel das Studium der Musiktheorie und -geschichte an der Musikhochschule Freiburg/Br. bei Erich Doflein. Erst jetzt machte er die Bekanntschaft der während des „Dritten Reiches“ verbotenen Neuen Musik. Bedeutsam für Schnebels weitere musikalische Entwicklung war die Freundschaft mit seinem Studienkollegen Heinz-Klaus Metzger, der ihn in die Musik der Wiener Schule einführte. Der Besuch der Darmstädter Ferienkurse führte zu Begegnungen mit Varèse, Nono, Scherchen, Boulez und Adorno. Nach der Staatl. Privatmusiklehrerprüfung 1952 studierte Schnebel Theologie, Philosophie und Musikwissenschaft in Tübingen. Die Theologie Karl Barths sowie die Schriften von Freud, Marx und Bloch prägten ihn nachhaltig.

 

1953 begann Schnebel wieder zu komponieren: Analysis für Saiteninstrumente und Schlagzeug ist die erste von Schnebel heute noch anerkannte Komposition. Sie eröffnete den seriellen Werkkomplex VERSUCHE (1953–55/64). 1955 legte Schnebel sein theologisches Examen ab und promovierte als Musikwissenschaftler mit einer Arbeit über Schönbergs Dynamik. Ab 1956 versah er den Pfarrdienst in verschiedenen Dörfern der Pfalz, später in Kaiserslautern.

 

Neben seiner kompositorischen Tätigkeit profilierte sich Schnebel nun auch als Autor musiktheoretischer Schriften. Einen Markstein in Schnebels Frühwerk stellt das Chorwerk dt 31.6 für zwölf Vokalgruppen (1956/58) dar, mit dem er seine Bedeutung als Pionier neuer Vokalmusik begründete, und mit dem er sich vom Einfluß der „Darmstädter Schule“ löste. Nach dem Schlüsselerlebnis der ersten Begegnung mit Werken Cages 1958 begann Schnebel mit der Entwicklung von konzeptionellen Musikprojekten, die sowohl die Grenzen des Werkbegriffs als auch die zwischen Musik und Theater sprengten. Erst jetzt kam es zu ersten öffentlichen Aufführungen und damit verbundenen Konzertskandalen.

 

1963 siedelte Schnebel als Religionslehrer nach Frankfurt/Main um. Im Laufe der 60er-Jahre fanden seine Werke immer mehr Beachtung. Insbesondere die Glossolalie 61 für Sprecher und Instrumentalisten (1960/61) und der Zyklus Für Stimmen (… missa est) (1956–58/66–69) galten bald als Schlüsselwerke der Auseinandersetzung von Musik und Sprache, die dann im Projekt Maulwerke (1968/74) gipfelte.

 

1970 zog Schnebel nach München, wo er als Lehrer an einem Gymnasium eine Arbeitsgemeinschaft für Neue Musik begründete, mit der er ein umfangreiches Repertoire verschiedener Stilrichtungen erarbeitete. Seit Mitte der 70er-Jahre beschäftigt sich Schnebel zunehmend mit der Aktualisierung und Weiterentwicklung verschiedener Aspekte traditioneller Musik.

 

1976 wurde Schnebel Professor für Experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin (seit 1991).


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik