Für die Anlage seines Werkverzeichnisses wählte Dieter Schnebel statt einer Gliederung nach Besetzungen, Gattungen oder Chronologie ein Ordnungsprinzip, das sein Gesamtwerk in inhaltliche Komplexe einteilt. Die so zusammengefaßten Werkgruppen sind keine Zyklen im üblichen Sinn, sondern als Forschungsprojekte angelegte Werkkomplexe. Bezeichnend ist dabei, daß Schnebel sein Komponieren immer stark inhaltlich verstanden hat, wobei er aber die Inhalte nur selten in Form von Texten oder Programmen, sondern im musikalischen Material selbst gestaltet hat. Die Dialektik von Material und Inhalt ist in nahezu jedem Werk Schnebels präsent. Besonders charakteristisch ist dieses Materialdenken in seinen Vokalwerken ausgeprägt, in denen Komposition von Sprache vornehmlich als Komposition von Sprechen realisiert ist. Das Material des Sprechens war in seinem frühesten Vokalstück dt 31.6 für zwölf Vokalgruppen (1956/58) noch das Lautreservoir eines konkreten Textes (der Bibelstelle Deuteronomium Kapitel 31, Vers 6). Doch schon hier gelangte Schnebel in „übermusikalische“, psychologische Ausdrucksbereiche. Schnebels immer tiefer an die Wurzeln ihrer Erzeugung dringende Beschäftigung mit vokalen Vorgängen führte schließlich bei den Maulwerken (1968/74) dazu, daß er nicht mehr Klänge komponierte, sondern die Organbewegungen, die sie erzeugen. Musik ist bei Schnebel eine spezifische Art der Körpersprache. Schnebel selbst spricht von „psychoanalytischer Musik“; man könnte es auch psychosomatische Musik nennen, da der Dualismus von Körperlichkeit und psychischem Ausdruck durch den im Wortsinn radikalen kompositorischen Ansatz aufgehoben ist.
Überhaupt ist die Fähigkeit zur Auflösung scheinbar unauflösbarer und unvereinbarer Widersprüche möglicherweise der wesentliche Aspekt von Schnebels kompositorischer Bedeutung. So mag zwar die Aufhebung der Grenzen zwischen Musik und Sprache und Musik und Theater eine allgemeine Tendenz der Avantgarde der 60er-Jahre gewesen sein, doch ist sie bei Schnebel das zwingend notwendige Ergebnis seines radikalen, von den Wurzeln der Prozesse ausgehenden Denk- und Kompositionsansatzes.
Seit Mitte der 70er-Jahre geht es Schnebel um die Auflösung eines weiteren Widerspruchs – dem zwischen „traditionellem“ und „experimentellem“ Komponieren. Im Werkkomplex TRADITION (seit 1975) beschäftigt sich Schnebel mit Formen der Vergangenheit und ihrem verborgenen experimentellen Potential. Das reicht vom Kanon bis hin zu ausgesprochenen Großformen, wie z.B. der Missa. Dahlemer Messe für vier Solostimmen, zwei gemischte Chöre, Orchester und Orgel (1984/87) oder der Sinfoniex (1987/92). Noch expliziter bezieht sich der Werkkomplex RE-VISIONEN (1972/89) auf Vergangenes. Hier werden Werke oder auch nur Momente aus Werken von J.S. Bach bis Webern in ein neues, teils wissenschaftlich analytisches, teils äußerst subjektives Licht gerückt. Tradition wird zum Experiment, Vergangenes wird Gegenwart, die in die Zukunft weisen mag.
aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik