Erlebte Geschichte - Home

Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Werke

von Peter Niklas Wilson

Mathias Spahlingers kompositorisches Denken kreist um den Begriff der Ordnung. Komponieren bedeutet traditionell: musikalische Hierarchien herstellen, Herrschaftsverhältnisse unter den Tönen konstruieren, das Hören der Zuhörer in die vom Komponisten vorgegebenen Bahnen lenken. Spahlingers Kompositionen leben in eben jenem produktiven Widerspruch, solche Vorstellungen musikalischer Ordnung (die Spahlinger auch als gesellschaftliche begreift) zu kritisieren, zu unterlaufen, zu übersteigern und damit als absurd zu entlarven – und dabei doch Komponieren als sinnstiftendes Tun zu begreifen, Komponist zu bleiben.

 

Schon das Orchesterstück morendo (1974) exponiert solche Dialektik kompositorischen Ordnungstriebs: Es zeichnet in der Rigidität eines polyrhythmisch-repetitiven Räderwerks einen gesellschaftlichen „Zwangszusammenhang“ nach und läßt dessen Auflösung doppeldeutig sowohl als befreiende Individuation wie als Sinnverlust erfahren. Und die vier stücke für Stimme, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier (1975) bringen ein weiteres Leitmotiv von Spahlingers Komponieren zur Sprache: Die Frage, wie man das Unkomponierbare zum Klingen bringen könne, ohne es zugleich wieder kompositorisch zu bändigen. Das Unkomponierbare zum Klingen bringen, damit der freie Klang sich ereigne und, wichtiger noch (weil den aufklärerischen, ethisch-politischen Impetus Spahlingers artikulierend), damit der Hörer sich der Vor-Ordnungen des eigenen Hörens bewußt werde – solche Zielsetzungen erklären Spahlingers intensive Beschäftigung mit den „veritablen“ Klängen des Alltags (störung, 1975; éphémère, 1977; in dem ganzen ozean von empfindungen eine welle absondern, sie anhalten, 1985), mit psychologischen, gestischen Untertönen des Klanglichen (sotto voce, 1973/74; signale, 1983), mit Klängen an den Rändern des Erklingenden, des Ausführbaren, des spielerisch Kontrollierbaren (die das sperrige Klangbild fast aller Stücke Spahlingers bestimmen).

 

Entscheidend sind die gedanklichen Impulse, die Spahlinger bei solcher Sondierung des autoreflexiven Potentials von Kunst von Hölderlin, Hegel und Adorno, besonders aber auch von dem wenig bekannten Frankfurter Sprachphilosophen Bruno Liebrucks erhielt. Spahlingers Komponieren ist so ein radikal erkenntniskritisches, das sich durch das gängige Schlagwort von einer „musica negativa“ nicht getroffen fühlt, da es Negation als „liebevoll sezierende Durchdringung von Ordnungsprinzipien“ (Spahlinger) durchaus als positive Tätigkeit begreift: „Negation ist nichts Negatives“.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

dual sim vertu buy vertu replica vertu copy autrichienne vertu ferrari replica replica handy vertu imitation luxury replica mobiles ascent 2010 êîïèÿ