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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

Rudolf Frisius
Stockhausen
Einführung in das Gesamtwerk.

Werke

von Richard Toop

Eine Geschichte der Neuen Musik in der Nachkriegszeit ist ohne den Namen Stockhausen undenkbar. Schon mit 23 Jahren schuf er Kreuzspiel für Oboe, Bassklarinette, Klavier und drei Schlagzeuger (1951), ein Schlüsselwerk des frühen integralen Serialismus, das bei der Darmstädter Uraufführung einen Skandal auslöste. Stockhausen ging es vor allem darum, alle Aspekte der Musik unbeirrbar, konsequent und kompromisslos neu zu denken: dies sowohl aus strukturellen Gründen als auch aus religiösen Motiven, die immer ein besonderes Merkmal seines Œuvres geblieben sind. Besondere Aufmerksamkeit gilt seinem elektronischen Schaffen: Gesang der Jünglinge (1955/56) wurde als erste bedeutende elektroakustische Collage anerkannt, Werke wie Kontakte (1959/60) und Hymnen (1966/67) als Meilensteine der elektroakustischen Musik gefeiert. Auch im Licht-Zyklus (1978/2004, vor allem bei Dienstag und Freitag) spielt die Elektronik eine besondere Rolle.

 

Stockhausen ging es nicht nur um die Organisation, sondern vor allem um die Integration des musikalischen Materials. Schon früh war er bestrebt, zwischen scheinbaren Gegensätzen wie Ton – Geräusch, Ordnung – Unordung u.a. so zu vermitteln, dass diese möglichst als Gegenpole eines Kontinuums funktionieren. Ebenso ist seine anfängliche Faszination durch Cages Auffassung der Indeterminiertheit zu verstehen: Stockhausen erweiterte damit die Perspektiven des eigenen Schaffens, ohne eine Übernahme der Cage'schen Ästhetik zu versuchen. Ein erstes Ergebnis ist die offene Form des Klavierstücks XI (1956). In den folgenden 13 Jahren entstanden Werke, die weitere Möglichkeiten offener formaler Prozesse erkundeten, so etwa die „Momentform“ (Kontakte, 1959/60) bis hin zu Plus-Minus („2 mal 7 Seiten zur Ausarbeitung“, 1963), wo der Vorgang kompositorischer Transformation auf eine rein strukturelle Weise dargestellt wird. Ein Extremfall waren ferner die Textkompositionen Aus den sieben Tagen (1968), verbale Anweisungen zur Kollektivimprovisation, die Stockhausen als „intuitive Musik“ bezeichnete und zu deren Ausführung ein besonders aufeinander eingespieltes Ensemble benötigt wird.

 

Ab Mantra für zwei Klaviere (1970) hat Stockhausen auf die Weiterentwicklung solcher indeterminierter Pfade weitgehend verzichtet. In präziser formulierten Partituren ging es nun um die „Formeltechnik“, die dann für fast alle Kompositionen bis 2003, insbesondere das ca. 29 Stunden dauernde Opern-Projekt Licht – Die sieben Tage der Woche (1978/2004) maßgebend wurde. Licht basiert auf einer dreischichtigen „Superformel“ (mit den Hauptpersonen Michael, Eva und Luzifer verbunden), woraus alle wesentlichen Parameter (Zeitproportionen, Tonfolgen, Dynamik, Klangfarbe) des Gesamtwerks wie der einzelnen Opern, Akte, Szenen usw. bis ins kleinste Detail hinein abgeleitet wurden. Mit dem darauffolgenden, unvollendeten, eher konzertant als theatralisch konzipierten Zyklus Klang – Die 24 Stunden des Tages (2004/07) hat Stockhausen dann auf die Formelkomposition verzichtet. Aus der Klang zugrunde liegenden 24tönigen Reihe gewann er charakteristische Tempo- bzw. Proportionsfolgen sowie „rhythmische Familien“, die stilistisch seiner Formeltechnik nahestehen.


aus: «Komponisten der Gegenwart - KDG» hrsg. vom Hanns-Werner Heister und Walter Wolfgang Sparrer. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages edition text + kritik

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