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Armin Köhler: Erlebte Geschichte. Aufbrüche, Rückblicke, Zeitläufte

DISZIPLIN UND FREIHEIT

[Foto: Armin Köhler]

oder: Vom Kontrapunktunterricht bei John Cage

Christian Wolff

Kontrapunktunterricht gerade bei jenem Komponisten zu erhalten, in dessen Schaffen diese Kompositionstechnik überhaupt keine Rolle spielt, ist schon ein ganz besonderes Paradoxon. Auskunft darüber gibt uns der einzige noch lebende Komponist einer Gruppe amerikanischer Künstler um John Cage und Morton Feldman, die vom Feuilleton in Europa das Markenzeichen «The New York School» verpasst bekommen hatte, obwohl sie als kompositorische Schule nie in Erscheinung getreten war. Die Rede ist von Christian Wolff. Er ist ein «Schulschwänzer», denn er gehört bis heute keiner Schule an. Von Wolffs Musik weiß Frederic Rzewski zu berichten, dass sie keine Doktrin predigt und keine Territorien besetzt, und John Cage sagt über sie, sie «wirke wie die klassische Musik einer unbekannten Zivilisation».

 

Wiewohl Wolff Unterricht bei John Cage erhielt, gilt er als kompositorischer Autodidakt. Noch vor seinem Lehrer hat er ein eigenes Modell musikalischer Indetermination entworfen. Er hat Altphilologie studiert, in vergleichender Literaturwissenschaft promoviert und im universitären Bereich, zuletzt am Dartmouth College in Hanover, New Hamshire, unterrichtet. In dieser Sendung wird ein «Hörbild Christian Wolff» entworfen, das dessen Auswanderung und Ankunft in Amerika, die politischen Prägungen in jener Zeit ebenso umkreist wie das damalige Verhältnis zwischen «Old» und «New» Europe. Konnte man bei John Cage wirklich Kontrapunkt studieren? Gab es sie, die so genannte «New York School», in der Musik vielleicht doch? Glaubt man an Gott, wenn man keinen Schluss komponiert? Wie diskutierte man in den USA über das Verhältnis zwischen Zufall und Determination?